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Zürich: «Die Gezeichneten» von Franz Schreker

Erstellt von wagner
Der Reiz der Schönheit im Hässlichen: Das Opernhaus Zürich eröffnete seine Saison mit einer Opernrarität aus dem frühen 20. Jahrhundert: Franz Schrekers Oper «Die Gezeichneten», entstanden in Wien während des Ersten Weltkriegs, erwies sich als überaus interessantes Stück aus einer bewegten Epoche.

Es war etwas los im Wien der Jahrhundertwende, nicht nur im Musikleben, das Gustav Mahler, Richard Strauss, aber auch Zemlinsky, Korngold oder eben Franz Schreker prägten. Künstlerische Aufbruchstimmung, Experimentierfreude, die Lust am Schönen und Abgründigen waren omnipräsent in der Kulturszene der Stadt. Alma Mahler schwebte als erotischer Schmetterling durch die Salons und von einer Affäre in die andere – auch Schreker geriet kurz in ihren Bannkreis. Kein Wunder kam hier Sigmund Freud auf die Psychoanalyse. Erotische Themen prägten auch die Opernwelt spätestens seit der «Salome» von Richard Strauss, ein Import von Oscar Wilde, ebenso wie die Geschichte vom «Geburtstag der Infantin», dem Drama des hässlichen Menschen, der sich für schön, stark und verführerisch hält, bis er von der niederträchtigen Gesellschaft den Spiegel vorgehalten bekommt. Zemlinsky – laut Alma Mahler selber nicht der Allerschönste, was sie nicht hinderte, sich in ihn zu verlieben – reizte dieses Sujet als Opernstoff, er bat den Kollegen und dichterisch ebenso wie musikalisch begabten Franz Schreker um ein Libretto. Dem wuchs der Stoff aber ebenfalls ans Herz und er vertonte «Die Gezeichneten» schliesslich selber, Zemlinsky blieb am Thema aber dran und erhielt für «Der Zwerg» schliesslich ein Textbuch von Georg Klaren.

Schreker baute den Wilde-Text deutlich aus und versetzte seine Geschichte in ein mittelalterliches Genua, wo Alviano mit einem Clan von Edelmännern auf der Insel «Elysium» ein irdisches Paradies erschaffen hat, gewidmet allem Schönen auf Erden, was aber seine Kumpane dazu missbrauchen, die Jungfrauen der Stadt zu entführen, zu vergewaltigen und in einer Höhle gefangen zu halten. Alviano ist verkrüppelt, aber im Gegensatz zu Wildes Zwerg ist ihm seine Hässlichkeit bewusst, und er hält sich deswegen von seinem Elysium und den Vergnügungen seiner Freunde fern, bis die Malerin Carlotta seine Ausstrahlung spürt, ihn malen will und sich auch verliebt. Alviano weiss nicht wie ihm geschieht, traut sich kaum, sein Glück zu glauben und die Geliebte zu berühren. Diese wiederum verliert nach der Vollendung ihres Bildes das Interesse, wird prompt die Beute von Tamare, dem übelsten unter den Wüstlingen in der Grotte, überlebt die Vergewaltigung nicht, was Alviano schllesslich in den Wahnsinn treibt.

Bei Rufus Didwiszus am Zürcher Opernhaus ist dieses Elysium ein Museum: helle Räume, weisse Marmor-Statuen, perfekt ausgeleuchtet. Nach der Pause ein radikaler Szenenwechsel: Dunkel ist der Blick in Alvianos umnebelte Seele, und Barrie Kosky inszeniert dazu ein Gruselkabinett, das kaum dazu geeignet ist, Mitgefühl mit der gequälten Seele zu erzeugen. Die Hände sind es, die hier diesem verkrüppelten Menschen fehlen. Sie werden zu Koskys Chiffre für den zweiten Teil seiner Inszenierung, Bilder, die in ihren besten Momenten suggestiv wirken, andererseits kaum genügen, uns diese Figur wirklich nahe zu bringen. Unterbelichtet bleiben auch die anderen, Carlotta, die Künstlerin, deren Spiel mit Ton und Töpferscheibe wenig Bühnenpräsenz erzeugen kann, Tamare, der schöne, starke Ober-Wüstling, bleibt zu statisch gezeichnet wie die ganzen Szenen in den ersten beiden Akten. Und für alle anderen Figuren bleibt bei Kosky nur die Zeichnung als Karikaturen.

Aus dem Graben klingt derweil die glühendste, Musik, die man sich vorstellen kann. Vladimir Jurowski lässt sie oft sehr laut aufrauschen, wird dabei nicht platt, aber bemüht sich nur wenig um die Züge ins Subtile von Schrekers Klangschichtungen, die unter seinen Händen zwar gut durchhörbar bleiben, aber in der Regel stets durch bildkräftig modellierte Melodielinien in den Hintergrund gerückt werden. Die vielfältigen, stets rasch wechselnden Klangfarben und die auf Schritt und Tritt eingestreuten Instrumentalsoli für praktisch jedes Instrument im gross besetzten Orchester verlangen sehr viel Spritzigkeit, klangliche Raffinesse und hohes Handwerk von den Spielern, was nicht immer allen gleich gut gelang.

Dass Jurowski gern obere Lautstärke-Regionen ansteuerte, haben sich die Sänger auch ein wenig selber zuzuschreiben. Nur sehr selten wagten sie dezidiert, Piano-Regionen einzufordern. Überfordert waren diese Stimmen zwar nicht von den orchestralen Klangballungen, über irgendeinen Mangel an Substanz, Kern und Ausdauer musste man sich weder bei Catherine Naglestad als Carlotta, Thomas Johannes Mayer als Tamare und schon gar nicht bei John Daszak als Alviano beklagen.

Reinmar Wagner

Bild: Monika Rittershaus / Opernhaus Zürich

Franz Schreker: «Die Gezeichneten». Opernhaus Zürich, Premiere am 23. September 2018. ML: Vladimir Jurowski, R: Barrie Kosky, mit John Daszak, Catherine Naglestad, Thomas Johannes Mayer, Albert Pesendorfer, Christopher Purves, Paul Curievici, Iain Milne, Oliver Widmer u.a.