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Volkston in Ernen

Erstellt von wagner
Im Musikdorf Ernen trotzt man dem Virus und spielt Kammermusik in der Kirche vor einem auf 220 Zuhörern reduzierten Publikum. «Im Volkston» hiess am 9. August das Motto in der Reihe «Kammermusik plus».

Er konnte auch richtig salonhaft klingen, der Ludwig van. Zum Beispiel in den Volkslied-Bearbeitungen irischer, schottischer und walisischer Lieder, die der Bariton Thomas Oliemans zur Eröffnung dieses Konzerts mit ausdrucksvoller, wandlungsfähiger Stimme sang. Die Begleitung von Geige, Cello und Klavier bietet aparte Möglichkeiten, und Beethoven nutzt sie für süffige Terzen- und Sexten-Gänge, die den Schmelz der Streichinstrumente schön herausstellen oder harmonische Finessen, die seine Arrangements ein wenig abheben von der reinen Volkstümlichkeit dieser Lieder. Stimmungsvolle Naturmalereien umfasst das breite Spektrum, ein bisschen Liebes-Wehmut, aber natürlich auch Trinklieder, die den Pianisten Alasdair Beatson derart mitrissen, dass er den Refrain jeweils aus voller Kehle mitgesungen hat. 

Leicht verdientes Geld für Beethoven: Ein schottischer Sammler von Volksmelodien, George Thomson, beauftragte die führenden Komponisten seiner Zeit mit Arrangements der gefundenen Zeugnisse, darunter auch Pleyel oder Haydn.1806 trat er auch in Kontakt zu Beethoven und weckte dessen Interesse, der schliesslich nicht weniger als 179 solcher Bearbeitungen schrieb. Zwar waren sie dem Auftraggeber zu avanciert und zu schwierig, aber Beethoven liess sich von solchen Einwänden nicht beeindrucken: Ziemlich harsch liess er Thomson wissen: «Ich bin es nicht gewohnt, meine Kompositionen zu überarbeiten; ich habe dies niemals getan, da ich überzeugt bin, dass jegliche noch so kleine Änderung den Charakter des Werks verfälscht. Ich bedaure, dass Sie hier verlieren, jedoch kann man mich kaum für schuldig befinden, wäre es doch Ihre Aufgabe gewesen, mich mit dem Geschmack Ihres Landes und dem bescheidenen Vermögen Ihrer Musiker vertraut zu machen.»

Das sind Entdeckungen im Jubiläumsjahr, die wieder einmal zeigen, dass ein solcher Hype, wie wir ihn gerade um Beethoven erleben durchaus doch Sinn machen kann. Eigentlich hätten die beiden künstlerischen Leiter der Kammermusik-Plus-Reihe, die beiden Pianisten Alasdair Beatson und Paolo Giacometti, diesen Abschnitt des sommerlichen Festival-Reigens in Ernen zur «Beethoven-freien Zone» erklärt – wobei er dann doch durch die Hintertüre immer mal wieder in die ursprünglichen Programm-Ideen hinein geplatzt wäre. Aber dann kam das Virus, und die Konzertprogramme wurden den Corona-Bedingungen angepasst. 

Dennoch haben Beatson und Giacometti ein überaus sinnvolles Programm für diesen August-Abend zusammen gestellt: Beethovens Blick auf die britischen Inseln stand das Klaviertrio über irische Volksweisen von Frank Martin gegenüber: Ständige Taktwechsel, modale Kirchentonaren, aus vollem Herzen singende Cello-Linien, von denen Christian Poltéra nicht das geringste an Cello-Schmelz verschenkte und zum Schluss eine Gigue, die wunderhübsch davon erzählt, wie der erst artig geordnete Gesang nach und nach in alkohol-bedingte Munterkeit und schliesslich grölende Fröhlichkeit umschlägt. Frank Martin ging 1925 in der harmonischen und rhythmischen Verfremdung der ursprünglichen Vorlagen allerdings ein ganzes Stück weiter als Beethoven. Vor allem die rhythmischen Möglichkeiten der insgesamt vierzehn hier verwobenen irischen Melodien und Tänze reizten Martin, und die wilden Synkopen, die er bisweilen einstreute, animierten Paolo Giacometti zu beinahe schon jazzigem Klavierspiel. 

Weniger deutlich sind die Volksmusik-Anklänge in den beiden Stücken in der Mitte dieses Programms: in Ravels Sonate für Violine und Cello kann man ein bisschen ungarisches Temperament heraus hören, viel wichtiger aber waren Ravel heftige Kontraste zwischen tiefer Stille und wilder Erregung, rhythmische Prägnanz und schroffe Dissonanzen. Ein herausforderndes Stück, in dem Esther Hoppe und Christian Poltéra alles auspacken mussten, was sie an musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten zu bieten haben. Sehr viel eingängiger ist die erste Rhapsodie für Klarinette und Klavier, die Debussy 1910 fertig komponierte. Ausgeprägt melodisch gedacht, bietet sie der Klarinette alle Möglichkeiten des Ausdrucks vom weit gespannten elegischen Singen bis hin zu lebhafter Fröhlichkeit. Was der britische Klarinettist Matthew Hunt aus diesem Prüfungsstück, das Debussy für das Pariser Conservatoire schrieb, an diesem Abend machte, war eine beeindruckende und mitreissende Demonstration der vielfältigen Möglichkeiten seines Instruments. 

Das Festival in Ernen dauert noch bis Mitte September. Vom 28.-30. August zum Beispiel ist in «Klavier kompakt» András Schiff zu Gast und spielt einerseits den zweiten Band von Bachs «Wohltemperiertem Klavier», andererseits Klaviermusik von Janacek, Schubert und Schumann. Und am Wochenende vom 12./13. September gehört die Aufmerksamkeit vier Nachwuchs-Kammermusik-Ensembles. 

Reinmar Wagner

Foto: Matthew Hung © Frederike van der Straeten