Syndicate content


«Violetter Schnee»: Uraufführung von Beat Furrer

Erstellt von wagner
Das Ohr am Weltgetriebe: Die Berliner Staatsoper präsentierte die Uraufführung von Beat Furrers Oper «Violetter Schnee». In der Inszenierung von Claus Guth verschmilzt heutige Alltäglichkeit mit den existenziellen Dimensionen eines Bruegel-Gemäldes.

Beat Furrer pflegt sich zum Komponieren zurückzuziehen; das intensive Erlebnis der Natur ermögliche es ihm, sich «in anderen, grösseren Zusammenhängen wiederzufinden», wie er es formuliert. Seine neueste, nunmehr achte Oper, beauftragt von der Berliner Staatsoper, entstand in einem entlegenen Forsthaus im Gesäuse, einer urtümlichen Landschaft in den steirischen Alpen. Sieben Jahre hatte Furrer über dem Stoff gebrütet; das ursprüngliche Buch von Vladimir Sorokin wurde dabei vom Dramatiker Händl Klaus in ein Libretto verwandelt, das sich der Musik wie ein Massanzug anschmiegt, wobei buchstäblich jede Silbe auf der Waagschale liegt.

«Violetter Schnee» stellt die Frage nach der Endzeit der Menschheit im Angesicht unaufhörlichen Schneefalls – eine Dystopie, wie sie Pieter Bruegel schon 1565, während der sogenannten Kleinen Eiszeit, in seinem Tableau «Die Jäger im Schnee» gestaltet hat. Wie Furrers Oper und Bruegels Gemälde in der Berliner Aufführung miteinander in Beziehung treten und in einer zeitgemässen Vision verschmelzen, ist der Clou dieser insgesamt geradezu musterhaften Produktion in der Regie von Claus Guth. Das erlesene Sängerensemble mit der wunderbaren Martina Gedeck in der spät hinzuerfundenen Sprechrolle der Tanja bringt schier Unsing-/Unsagbares mit scheinbarer Leichtigkeit über die Rampe, und die vorzüglich studierte Staatskapelle unter Matthias Pintscher entfaltet die komplizierte, überaus feingliedrige Partitur mit ihren komplexen Abläufen und jähen Brüchen zu facettenreicher Wirkung. Nur dem Vocalconsort Berlin schien die Aufgabe zuweilen eine Schuhnummer zu gross, was aber dem Gesamteindruck letztlich keinen Abbruch tat. 

Es ist eine gewaltige Geschichte, die Furrer mit ausschliesslich «menschlichen» Mitteln, mit Instrumenten und Stimmen, entwickelt – obwohl oder gerade weil er sie über weite Strecken in den dynamischen Bereichen von Piano und Pianissimo, oft an der Grenze der Hörbarkeit, erzählt. Es wirkt, als habe er seine Musik dem geheimen Lauf der Welt abgelauscht, diesem unfassbaren, undurchschaubaren Gewerke, in das wir Menschen hineingestellt und dem wir ausgeliefert sind, weil es uns überdauern wird, obwohl wir uns als dessen Beherrscher dünken. Im fortwährenden Modulieren der Harmonien, das den musikalischen Fluss vorantreibt, erleben wir ganz konkret den Zerfall des Vertrauten, und in den harten Schnitten, die dazwischen gesetzt sind, haben Schmerz und Erschrecken Raum. Momente zauberhafter Poesie – Flockentanzmusik, Vogelrufe, Phantasien von frühlingshaftem Tauen – beschwören ein letztes Mal die dem Untergang geweihte Schönheit und Geborgenheit, in der wir uns aufgehoben glaubten. 

Die beiden jungen, mondänen Paare Silvia und Jan (Anna Prohaska und Gyula Orendt) sowie Natascha und Peter (Elsa Dreisig und Georg Nigl) entfernen sich, eingeschneit in ihrem Chalet, Schritt für Schritt von den Themen des praktischen Alltags. Nicht, wie sie heizen, und nicht, was sie essen könnten, nicht einmal, wer nun mit wem schläft, ist länger relevant an diesem Schicksalsort. Der düstere Melancholiker Jacques (Otto Katzameier) spürt von Anbeginn, dass es ans Eingemachte geht. Immer mächtiger bricht sich das Unbewusste in Träumen und Wahnvorstellungen Bahn. Da ist in Silvias Bratsche eine riesige Hornisse gewachsen. Da hat Jacques‘ Frau Tanja sich an seinem Geburtstag das Leben genommen. 

Selbst das Problem des Eingeschlossenseins stellt sich ab einem gewissen Punkt nicht mehr. Denn durch ein kahles, schmutziges Stiegenhaus führt der Weg aufs flache Dach, wo immer wieder Figuren aus Bruegels Eiszeit durch den Schnee stapfen. Dort eröffnet sich eine geradezu gespenstische Freiheit. Es ist auch der Ort von Tanja. Barfuß, im weißen Gewand, scheint sie zwischen Hüben und Drüben zu vermitteln – eine Wiedergängerin, eine Art weiblicher Teiresias, dem Furrer die schönsten und aberwitzigsten Melodramen anvertraut hat. 

Wenn der Schneefall zuletzt endlich aufhört, ist jede Individualität geschwunden. Da steht ein Grüppchen undefinierbarer, verlorener Gestalten unter hässlichen Strassenlaternen im rosavioletten Licht einer rätselhaften Sonne. Alles vorbei? Alles am Anfang? Eine Antwort kann es nicht geben. Nicht in Furrers oratorienhaftem, in quälenden Reibungen riesenhaft aufgeschichtetem Finale, und nicht in der Inszenierung. Im Szenenbild von Etienne Pluss, mit einer Handvoll Tänzern, gelingt es Claus Guth, den inneren Transformationsprozess der Figuren psychologisch schlüssig sichtbar zu machen, heutige Alltäglichkeit allmählich mit den existenziellen Dimensionen des Bruegel-Gemäldes zu verschmelzen, bis ein neues Tableau von grosser Nüchternheit an seine Stelle tritt. Ein Wurf – Berlins jungen Intendanten Matthias Schulz und sein Team kann man zu dieser mutigen Grosstat beglückwünschen! 

Monika Mertl

Foto: Monika Rittershaus / Staatsoper Berlin