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Video-Verdi in der Arena von Avenches

Erstellt von wagner
Bestes Sommerwetter, grosse Stimmen und musikalische Höhenflüge. Nur die etwas statische Inszenierung von Marco Carniti trübte den Genuss am Freitag bei der Premiere von Verdis «Nabucco» in der römischen Arena von Avenches.

 

Schönwetterwölkchen, ein lauer Sommerabend, untergehende Sonne: So lässt sich im «piccola Verona» am Murtensee der Opern-Air-Sommer bestens an. Diesmal kreisen und kreischen nicht nur die Mauersegler, sogar ein Storch überfliegt das Spektakel in der römischen Arena. Ein Spektakel, das diesmal auf sehr viel Technik und Computerdesign setzt. Auf der Bühne vor dem Turm stehen zwei riesige Video-Wände. Pausenlos laufen darauf und noch einmal potenziert auch auf der Fassade des mittelalterlichen Turms die «Nabucco»-Visionen des italienischen Künstlers Francesco Scandale: Ein heller und ein dunkler Mond streiten um die Vorherrschaft, ein Tornado verweht ganze Welten, die Hebräer singen ihren Gefangenenchor auf «Avatar»-Felsen in einem luftleeren Raum schwebend. Der Einmarsch der Babylonier in Jerusalem erinnert an die animierte Version der chinesischen Terracottakrieger, die gerade im nahen Bern gezeigt werden. Götzen- und Götterbilder flammen auf, lösen sich auf, aber warum zum Beispiel am Ende der Triumph Jehovas mit einem Totenkopf illustriert wird, bleibt Scandales Geheimnis.

Aber die wirkliche Crux dieser Inszenierung ist, dass sich Marco Carniti zu sehr auf die Kraft dieser Video-Bilder verlässt. Um die Leinwände herum arrangiert er die Massen der Babylonier und Hebräer in symmetrischen, statischen Konstellationen. Abigaille erhält einen exotischen Tänzer als animierte Begleitung, Nabucco darf seine Wahnsinnsszene dramatisch ausleben. Viel mehr passiert auf der Szene nicht, eine Personenführung, wie wir sie auf der Opernbühne heute gewohnt sind, und wie sie auch im Arena-Format absolut machbar ist, fehlt fast völlig. Die dramatischen Ereignisse im Tempel Jerusalems zum Beispiel, wenn der Hohepriester die Geisel Fenena töten will, Ismaele sie aber rettet, sind von geradezu kläglicher Hilflosigkeit.

Umso mehr triumphiert die Musik. Nicht nur der berühmte Gefangenenchor bleibt im Ohr haften, auch sonst prägen zahlreiche Chornummern die Oper, und der von Pascal Mayer einstudierte Lausanner Opernchor bewies darin hohe Klangkultur. Aber auch sonst gab Verdi fast jeder Nummer einprägsame Melodien und zündende Rhythmen mit. Dass wir in der italienischen Oper sind, machte der Dirigent Nir Kabaretti an der Spitze des souverän aufspielenden Orchestre de Chambre Fribourgeois stets deutlich. Seine Tempi waren nicht sehr schnell, was in der Arena eine gute Wahl ist. Aber in der Artikulation und der Ausgestaltung der dynamischen Steigerungen liess er nichts anbrennen und behielt die Zügel auch stets deutlich und straff in der Hand.

Noch mehr Italianità verströmten die Sänger. Allen voran Rubens Pelizzari als Ismaele. Seine Schluchzer und Portamenti mögen Geschmackssache sein, aber er beherrscht diese Stilmittel und gab dem Ismaele sängerisch Arena-Format. Das brachte auch Sebastian Catana in der Titelrolle mit, mehr auf dramatische Rollengestaltung und emotionale Feinheiten bedacht als sein Tenorkollege. Beides vereinte Maria Billeri als Abigaille: Eine unglaubliche Stimme, die riesig (und mit riesigem Vibrato) auftrumpfen kann, aber auch die leisen Linien in gespanntem Piano klar und rein in den Sternenhimmel über Avenches steigen liess.

(Reinmar Wagner)

Weitere Vorstellungen: 9., 12., 13., 16., 18. Juli, www.avenchesopera.ch

Bild: Maria Billeri als Abigaille, Foto: Marc-André Guex / Avenches Opéra