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Very much bäng

Erstellt von wagner
Es ist etwas los in Basel: Die Uraufführung von «Diodati. Unendlich» von Michael Wertmüller und Dea Loher ist ein Spektakel der besonderen Art: Fünf Freunde... erschaffen ein Monster.Nur der Urknall war lauter!

Alles gross, alles extrem, alles Oper, alles bang bang: Da haben sich drei gefunden, die gerne aus dem Vollen schöpfen. Der aus dem Berner Oberland nach Berlin ausgewanderte Komponist Michael Wertmüller und die deutsche Dramatikerin Dea Loher kennen sich schon von anderen Opernprojekten. Im Auftrag des Theaters Basel haben sie sich erneut gefunden und erzählen im Rahmen eines legendären historischen Literaten-Freundeskreises eine skurril-absurde «Frankenstein»-Geschichte, schillernd zwischen romantischer Schauerlegende und Science-Fiction. Und Lydia Steier, die Regisseurin, die mit ihrer schräg-verspielten «Donnerstag»-Inszenierung schon die Stockhausen-Gralshüter zum Hyperventilieren brachte, setzt noch einen drauf und füllt die krude Story ihrerseits unermüdlich mit den Bild-Arsenalen aus dem Horror-Kino.

«Diodati» ist eine Villa im Genfer Dorf Cologny. Im Sommer 1816 trafen sich hier Lord Byron, seine Geliebte Claire, sein Leibarzt John Polidori, der Dichter Percy Shelley und seine spätere Frau Mary. Den Mont Blanc wollten sie sehen, die Schweizer Alpen bestaunen, aber im fernen Indonesien war ein Vulkan ausgebrochen, die Asche störte das Klima, das Wetter blieb kühl und regnerisch. So vertrieb sich das Quintett die Zeit mit dem Erzählen und Erfinden von romantischen Schauergeschichten, angefeuert durch intensiven Drogenkonsum und die von allen geteilte Faszination für okkulte Phänomene. Die Keimzelle zu Mary Shelleys «Frankenstein» wurde in diesen Tagen gelegt, und Polidori schrieb seine Kurzgeschichte «Der Vampyr», die noch vor dem «Frankenstein» riesigen Erfolg hatte und Heinrich Marschner zu seinem ersten Opern-Erfolg animierte. 

Dieses literarische Gipfeltreffen hat schon Brian Aldiss zu seinem Roman «Frankenstein unbound» inspiriert oder Ken Russel zu seinem Film «Gothic». Dea Loher nun erfand dazu eine zweite, heutige Ebene, die zuerst bloss geographisch mit der Villa Diodati verbunden ist: Das Kernforschungszentrum CERN. Der Chor der Physiker begleitet die kreativen Seancen des literarischen Quintetts. Ähnlich wie die Kernforscher Materie zertrümmern, um immer kleinere Teilchen zu finden, atomisiert Dea Loher die Sprache, bis nur noch sinnentleerte Silben übrig bleiben. Vor allem aber spielt sie mit Kalauern und Sprachwitz: «Does it matter – Matter matters – and antimatter». Oder: «alle bang bang, very much bäng» oder «Löcher Röchel Rumms»: So gehen Urknall und schwarze Löcher bei Dea Loher.

Weniger witzig ist Wertmüllers Musik, sie ist im Gegenteil sehr ernst gemeint. Sie sucht zu Überzeugen und zu Vereinnahmen mit manchmal brachialen Mitteln wie Schlagzeug-Orgien, Opernzirkus-Akrobatik oder schlicht praller Lautstärke. Oder mit purer Schönheit: Gleich zwei grandiose Apotheosen zaubert Wertmüller am Ende aus dem Hut. Selten die Momente, in denen ein einsames Xylophon eine Szene begleitet oder der Sound der Avantgarde-Rockband «Steamboat Switzerland» allein die Führung übernimmt. Es ist sehr viel los bei Wertmüller, das Schlagwerk dominiert – nicht überraschend bei einem ausgebildeten Schlagzeuger. Die Rhythmen sind komplex, die Akkorde meistens dicht, alles laut, alles schnell. Mit Lust und Ausdauer zitiert sich Wertmüller durch die Musikgeschichte: Blechbläserchöre von Bruckner, Vokal-Quartett von Schubert, ein bisschen Mahler oder Carl Orff, viel Jazz und für die Sänger die irrwitzigsten Koloraturen à discretion – Grosse Opernszenen für fähige Stimmen – und die hatte diese Uraufführung: Nicht nötig, jemanden heraus zu heben: Holger Falk, Kristina Stanek, Rolf Romei, Sara Hershkowitz, Seth Carico brillierten allesamt, wie auch Samantha Gaul mit einem kurzen, aber ebenfalls höchst schwierigen, koloraturgespickten Auftritt. Die Musiker des Sinfonieorchesters Basel sind stark gefordert, aber Titus Engel koordiniert als ruhender Pol souverän dieses Orchesterbrimborium. 

Und dann kam noch Lydia Steier. Brav nacherzählen ist ihre Sache nicht. So werden die CERN-Physiker zu Experimentatoren, welche die britischen Literaten im Labor zum Leben erwecken. Die Villa eine Versuchsanordnung, die Forscher in weissen Schutzanzügen. Aber wie Frankensteins Kreatur entwischt, so entfleuchen auch die Dichter, meucheln die Wissenschaftler – und wissen dann allerdings nicht so recht, was sie mit ihrer neuen Freiheit anfangen sollen. Das Laudanum – Opium in Alkohol gelöst – tut seine Wirkung, nicht nur die Drehbühne rotiert, die Trips werden schräger und skurriler, die Filmbilder ziehen mit, das Schlachten von Orangen geht einher mit dem Erschaffen von Leben, dem Gebären unter heftigen Geburtswehen, und was am Ende bleibt – Monster oder Ernüchterung, neues Leben oder Auflösung – das weiss keiner so richtig. Macht aber nichts, es war was los in auf der Basler Theaterbühne!

Reinmar Wagner

Foto: Sandra Then / Theater Basel