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Verdis «Trovatore» in Bern

Erstellt von wagner
Sängerglanz am Berner Theater: Ein fulminantes Quartett glühender Verdi-Stimmen stellte den Feuerzauber auf der Bühne deutlich in den Schatten.

Was für ein Quartett! So italienisch klingt Verdi selten nördlich der Alpen. Und selten so laut! Da erzitterte trotz Akustik-Feinschliff das Berner Stadttheater unter der Wucht von vier strahlenden Stimmen, was wir diesmal aber mit leichtem Herzen durchgehen lassen. Selbst das Schlaflied für seine gefangene Mutter singt Martin Mühle als Manrico in glühendem Forte, aber wer will es einem Tenor mit derart schöner Stimme verargen, wenn er jede Gelegenheit wahrnimmt, sich vokal heraus zu putzen? Es hätte manchmal ein bisschen weniger sein dürfen, so wie es die anderen drei vorführten, die bei aller Lust am sängerischen Schaulaufen die Zwischentöne nicht vergassen und den gespaltenen und verschatteten Emotionen auch mit dynamischen Mitteln Raum gaben.

Sie haben auch von Verdi wunderbare Szenen bekommen, die alle Facetten stimmlichen Könnens abbilden und es versierten Sängern erlauben, abzuheben in jene magischen Momente, in denen die Zeit still zu stehen scheint. Das gelang ein paarmal an dieser Premiere, und es hatte natürlich mit der Strahlkraft von vier beneidenswert intakten Stimmen zu tun, aber etwa auch mit dem berührenden Legato und den lupenrein geführten Koloraturen, die Lana Kos der Amelia Leonora lieh, oder mit den aufregenden Farben bis in die glühenden Tiefen von Agnieszka Rehlis als Azucena und oder mit dem vielschichtig, elegant gestaltenden Bariton von Jordan Shanahan als Luna.

Jochem Hochstenbach, den ersten Kapellmeister am Berner Theater, hatte das Quartett ganz auf seiner Seite: Der Deutsche machte klaglos alles mit, was ihm die Sänger präsentierten, hielt Bühne und Graben souverän zusammen, die Tempi in vernünftigen Relationen und Verdis Orchesterbegleitung im solid, aber nicht mit ganz letzter Präzision spielenden Berner Sinfonieorchester angenehm schlank.

Szenisch zerriss die Produktion nicht ähnlich dicke Stricke. Ihr optisch ansprechendstes Element waren die Projektionen des Kölner Video-Künstlers Fritz Gnad: Feuerflammende Gestalten als Menetekel dieser abstrusen Verwechslungs-Tragödie die im Spanien des ausgehenden Mittelalters angesiedelt ist, wo nicht nur Hexen, sondern auch Kleinkinder auf dem Scheiterhaufen landen.

Neben diesen feurigen Bildern liess der Regisseur Markus Bothe auf der Bühne, die aus nicht entschlüsselbaren Gründen das Gerüst eines Hauses zeigt (Kathrin Frosch), das Ensemble eher unbestimmt agieren. Die gerne eingesetzte Drehbühne und ein tiefes Loch entwickeln ebenfalls nicht so richtig viel Sinn, und wenn Bothe eigene Einfälle einbrachte, wirkten manche Ideen ziemlich aufgesetzt, etwa die Drastik blutverschmierter Männer-Chor-Horden oder die Vergewaltigung und Folterung der Dienerin Inez, die schliesslich als blutüberströmter Rache-Engel noch einen Auftritt erhält.

Reinmar Wagner

Bild: Philipp Zinniker / KonzertTheaterBern