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Verdis «Rigoletto» in Luzern

Erstellt von wagner
Eine dem Abriss geweihte Industriehalle in Emmenbrücke dient dem Luzerner Theater als Spielort für Verdis «Rigoletto». Nicht ganz ideal, was Optik und Akustik betrifft, und auch nicht ganz ideal, wie die Inszenierung mit Verdis Stück umgeht

Wie eine jener illegalen Szene-Parties wirkt das Fest der Herzog in der Induestriehalle, in die das Luzerner Theater seinen neuen «Rigoletto» verlegt hat.  Farbige Gestalten verteilen Popcorn und Zuckerwatte, ein Orchester sitzt im Erdgeschoss, aber die Musik kommt vom Bar-Piano und eine Sängerin gibt ein paar Schlager zum besten. Mit Monterones Fluch setzt das Orchester ein, und da nehmen wir ihn zum ersten Mal wahr, eine Gestalt in unschickem, verschwitztem Shirt, so fehl am Platz, wie man hier nur sein kann: Rigoletto. Den Buckel braucht er hier nicht, um als Aussenseiter erkennbar zu sein.

Kein Spassmacher, keiner, der die Lacher generiert und steuert, sondern einer, über den gelacht wird. Die Inszenierung von Marco Storman erzählt Rigolettos Geschichte als das Drama eines Vaters, der seine Tochter, die sich ihr eigenes Leben aufbauen will, bei und für sich behalten will. Gilda ist hin- und her gerissen zwischen der Verantwortung ihrem Vater gegenüber und dem Aufbruch in die eigene Existenz für die hier ihre romantische Liebe steht. Immer mehr verstrickt sich Rigoletto in  eine unselige Kombination aus Beschützerinstinkten, egoistischem Besitzdenken und Wahnvorstellungen, was seiner Tochter im Leben passieren wird. Storman fällt nicht gleich mit der Tür ins Haus, die Andeutungen von Rigolettos Realitätsverlust sind anfänglich dezent, vor allem der – wohl auch eingebildete – Fluch ist es, der ihm zusetzt. Aber mehr und mehr verschwimmt die Realität und er sieht im Moment, in dem Gilda das Haus verlässt im eigenen Selbstmord den einzigen Ausweg.

Das ist von der Inszenierung konsequent zu Ende gedacht – nimmt aber der Oper einen ihrer grössten Momente: Die sterbende Gilda und ihre Bitte um Verzeihung erklingen aus dem Off, nur mehr die Videobilder von ihr sind Rigoletto geblieben – ein sehr schwacher Ersatz im doppelten Sinn, eben auch für die Dramaturgie der Oper und die Musik Verdis. Da half es auch nicht wirklich weiter, dass mit Claudio Otelli ein grandioser Rigoletto in Luzern zu hören war. Seine szenische Präsenz und seine stimmliche Potenz blieben bis zum Ende packend, intensiv und von nie nachlassender Ausdruckskraft. Rein sängerisch hätte man sich einen Rigoletto mit feineren Zwischentönen vorstellen können, aber die akustische Realität in diesem verschachtelten, über mehrere Stockwerke verteilten Bühnenraum liess wohl keine Experimente zu, und es mag sein, dass die Mischungen zwischen Stimmen und Orchester auf den verschiedenen Rängen durchaus unterschiedlich ausgefallen sind.

Unter diesen Umständen geriet die Aufführung erstaunlich kompakt und präzis. Kaum je musste der Dirigent Stefan Klingele massiv in die Koordination eingreifen, selbst die Chöre gelangen präsent und klanglich homogen. Und während in den kleineren Rollen durchwegs hervorragende Sänger zu hören waren, herrschten Licht und Schatten bei den weiteren Protagonisten: Die Gilda sang die schwedische Sopranistin Magdalena Risberg mit sehr viel klangfarblichen Nuancen und schön ausgeformten Linien. Als Duca dagegen fiel der mexikanische Tenor Diego Silva nur in mittleren Lagen mit angenehmem Timbre auf. Die Tiefe verschwand, die Höhe wirkte sehr schnell forciert und gepresst. 

Reinmar Wagner

Bild: Ingo Höhn / Luzerner Theater