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Verdis «Aida» in Zürich

Erstellt von wagner
Dass uns das Zürcher Opernhaus von Andreas Homoki keine «Aida» mit Elefanten und Pyramiden vorsetzen würde, war zu erwarten. Aber was uns Tatjana Gürbaca bei der Premiere am Sonntag vorschlug, war leider auch nicht besser.

 

Wir sind offenbar in einem Hotel. Irgendeine obskure Organisation scheint eine Tagung abzuhalten. Es geht möglicherweise um gewisse Nachfolgeregelungen. Der Kronprinz ist dummerweise im Krieg gewesen und hat eine posttraumatische Belastungsstörung davon getragen und verpennt seine Inauguration auf dem Sofa. Im Hotelfernsehen läuft eine Art Folklore-Veranstaltung ab (Triumphmarsch). Unserem armen Soldaten kommen da die üblen Bilder aus dem Krieg hoch, die bisweilen an die zu Chiffren gewordenen Fotos aus Abu Ghraib erinnern, meistens allerdings eher an die Rotlichtszenen aus einem SM-Studio. Dazu spielt man Ballettmusik von einem gewissen Giuseppe Verdi.

Im übrigen hätte unser Soldat (Radamès) lieber die Hotelputzfrau (Aida) als die Tochter des Chefs (Amneris), aber das zu inszenieren hat Tatjana Gürbaca vergessen. Das angebliche Liebespaar begegnet sich aneinander vorbei, wie auch die anderen Figuren in diesem Hotel ständig durch den Raum geistern, aber nichts mitkriegen, von dem was verhandelt wird, ausser die Oper verlangt, dass sie es mitkriegen. Das merkt man dann daran, dass sie danach anfangen zu singen.

Warum die gefangenen Äthiopier singen wird hingegen nicht klar. Respektive: Was sie hier tun. Irgendwann heben sich die transparenten Wände dieses Hotezimmers, und sie sind einfach da. Entsprechend unklar ist die Position ihres Königs Amonasro. Das einzige, was wir von der Inszenierung her wissen: Er ist der Vater der Putzfrau. Es gibt haufenweise Waffen in dieser Organisation, aber sie werden auch dann nicht eingesetzt, wenn es sinnvoll wäre. Zum Beispiel könnte man den Terroranschlag verhindern, der das Hotel am Ende effektvoll in Schutt und Asche legt. Lebendig begraben bekommt auf diese Weise für Aida und Radamès immerhin eine ganz neue Bedeutung.

Wenn man Verdis «Aida» so erzählen möchte, wie es Tatjana Gürbaca für Zürich vorschwebte, dann kann man das zwar. Man braucht dafür aber mehr als ein paar Ideen und den intellektuellen Überbau. Die umgedeuteten Figuren benötigen ganz klare, starke Gesten, Geschichten, Persönlichkeiten und eine in jedem Moment kohärente Personenführung, umso mehr, wenn sie gegen das Libretto, gegen die Musik und gegen die sichtbare Präsenz an sich unsichtbarer Figuren agieren müssen. Davon ist in Gürbacas Inszenierung kaum etwas zu spüren. Diese «Aida» ist eine Totgeburt, die vom Zürcher Premierenpublikum auch verdient ausgebuht wurde.

Musikalisch gab es dafür einige Lichtblicke: Fabio Luisi, der seine letzte Premiere, Beethovens «Fidelio», noch in lautstarken Klangwogen ertränkt hatte, besann sich auf eine kultivierte Dynamik. Berückend schön begann schon die Ouvertüre, und immer wieder im Lauf des Abends gelangen ihm und dem homogen und klanglich wach spielenden Orchester in den oft zwar recht langsam, aber sorgfältig ausgeformten Nummern sehr differenzierte und delikate Linien.

Dass auf diesem subtil und intelligent aufgebauten Klang-Fundament dann auch konzis aufgebaute dynamische Höhepunkte ihren Platz hatten, ist umso logischer, als in dieser Premiere auch hervorragende Stimmen zu hören waren. Allen voran die Amerikanerin Latonia Moore in der Titelrolle: Eine natürlich schöne, in allen Lagen geschmeidige und ausdrucksvolle Stimme mit gewaltiger Potenz. Aber auch mit einer herausragenden Piano-Kultur: Wunderschön wie sie die Sehnsucht nach ihrer Heimat zu Beginn des dritten Akts – mit bemerkenswert agiler und klangschöner Solo-Oboe – gestaltete.

Auch der Radamès vom lettischen Tenor Aleksanders Antonenko überzeugte mit Leuchtkraft und stahlenden Spitzentönen, mit vokaler Präsenz und Ausdauer. Andrzej Dobber sang den Amonasro weich und rund in den lyrischen Passagen, etwas farblos und schmächtig allerdings, wenn er Autorität markieren sollte. Iano Tamar als Amneris bewies weniger stimmliches Format, sang mit viel Portamenti und wenig Klangfarben. Vor allem fehlte in entscheidenden Momenten die Kraft, das aufbrausende Temperament und die nagende Eifersucht der Pharaonentochter glaubwürdig darzustellen.

Reinmar Wagner

 

Bild: Monika Rittershaus / Opernhaus Zürich