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Uraufführung von Holligers «Lunea» in Zürich

Erstellt von wagner
Zwanzig Jahre nach «Schneewittchen»: Das Zürcher Opernhaus bringt wieder eine Oper des wichtigsten Schweizer Komponisten zur Uraufführung. «Lunea» von Heinz Holliger kam am Samstag unter der Leitung des Komponisten und mit einem überragenden Christian Gerhaher in der Hauptrolle auf die Bühne. Es geht um Nikolaus Lenau – aber Holliger schrieb definitiv keine Künstler-Oper.

Am Ende zwitschern nur noch die Vögel: Ein Naturbild voll grandioser, fast magischer Schlichtheit. Lenau ist verschwunden, die wirren Textfragmente, die der Dichter in seiner Zeit der Geisteskrankheit auf Zetteln notierte, sind verstummt. Es ist typisch für Heinz Holliger, dass er nicht die artige Biedermeier-Poesie, die anmutig gehobenen Verse, mit denen Nikolaus Lenau sehr erfolgreich war, für seine Lenau-Oper verwendete, sondern die Zeugnisse des Kranken, der nach einem Schlaganfalls und den Spätfolgen von Syphilis in einer Irrenanstalt bei Stuttgart geistig verdämmerte. Hölderlin, Robert Walser, Celan – andere Künstler in den Fängen des Wahnsinns, die Heinz Holliger zeit seines Künstlerlebens inspirierten. Die Wahl von Lenau ist somit folgerichtig, und das Anagramm «Lunea» spielt nicht nur mit Mond und Nachtwelten, sondern eben auch mit den Formen umnachteter Kreativität.

Es ist erstaunlich, was Holliger an Farben und Klangelementen aus den 34 Instrumenten heraus holt, die er in seiner Partitur vorschreibt. Vieles davon verweist unmittelbar auf den Text oder impliziert klangliche Stilzitate wie das Cymbalom, das auf Lenaus ungarische Herkunft anspielt. Wie immer ist Holliger auch ein begeisterter Spieler, der seiner Freude an musikalischen Assoziationen jeglicher Couleur keine Riegel schiebt. Was diesmal hinzu kommt, ist dieselbe Spielfreude und kindlich-naive Experimentierlust des fast 80jährigen Komponisten auch bei den Singstimmen, nicht so sehr bei der Lenau-Partie für Christian Gerhaher, aber vor allem gerne bei den drei Frauen-Rollen, die in ganz verschiedene weibliche Figuren aus Lenaus Leben schlüpfen.

Und noch mehr beim Chor – ein Element, das Holliger hier sehr virtuos einsetzt, nicht klassisch zur Kommentierung, sondern zur zusätzlichen Verstärkung von Emotionen oder als Gedanken-Echo. Das Spektrum reicht von verspielten Lautmalereien, wenn aus dem nachgeahmten «ch» eines Worts ein Fauchen, aus dem «s» ein Zischen wird, geht weiter in zahlreichen, aber oft versteckten Stilzitaten von Gregorianik, Renaissance-Polyphonie oder Bach-Chorälen bis hin zu artifiziellen stimmlichen Ausdrucksmitteln, die Lenaus Gemüts-Zustände zu untermalen helfen. Die Basler Madrigalisten singen das herausragend, wie auch die fünf weiteren Solisten neben dem überragenden Christian Gerhaher, darunter mit Juliane Banse auch das Ur-Schneewittchen von damals, allesamt auf der Höhe ihrer Aufgaben agieren. 

Keimzelle von Holligers Oper war der 2013 in Zürich uraufgeführte, gleichnamige Liederzyklus, den er für Christian Gerhaher komponierte. Aber die Oper ist weit mehr als Instrumentierung und Erweiterung. Vom Zyklus sind einzelne Elemente geblieben, die wie Keimzellen die 23 Bilder konkretisieren. Händl Klaus, Holligers vertrauter Librettist, hat sich in Lenaus Text-Kosmos vertieft und bei seiner Arbeit dieselbe Freude wie Holliger in der Musik am Spiel mit den Wörtern und Buchstaben erkennen lassen. Am Umkehren zum Beispiel: «gidlusch» wird zu einem Zentralwort dieses Werks. Der Chor singt oder flüstert manchmal ganze Passagen rückwärts.

Der Zürcher Opernhaus-Direktor Andreas Homoki liess es sich nicht nehmen, diese prestigeträchtige Uraufführung selber zu inszenieren. Inspiriert haben ihn die Gruppenportraits oder Familienbilder des Biedermeier, allerdings ohne deren fröhliche Farbigkeit aufzunehmen. Im Gegenteil, in blasse Blautöne sind sie gehüllt und bloss spärlich beleuchtet, der gigantische schwarze Rahmen, den Frank Philipp Schlössmann um diese Biedermeier-Bilder baute, tut das seine. Eine fahrbare, ebenfalls schwarze Wand trennt die 23 Bilder voneinander, indem sie langsam über die Szene gleitet, während dahinter Requisiten und Personal des nächsten Bildes aufgestellt werden. Eine passende, schlüssige Bühnen-Idee, die wirkt wie das Blättern in einem Bilderbuch, nur ohne jegliche Chronologie, sondern in wild durcheinander geschüttelten Szenen, Erinnerungen, Assoziationen, etwa so wie wir es im Traum erleben.

Keine einfache Aufgabe also für einen Regisseur. Homoki hat denn auch darauf verzichtet, in irgendeiner Weise realistische Beziehungen und Figurenkonstellationen aufzuzeigen. Was nicht heisst, dass seine Bilder in Statik verharren würden, im Gegenteil: Vielfältig sind die grösseren und kleineren szenischen Aktionen in den Biedermeier-Bildern. Aber was an Aktion zu sehen ist, hat keine äusserliche Dramaturgie, sondern gehört – wie alles andere hier – zur Innensicht des verdämmernden Lenau.

Und so leistet eines diese Oper nicht: Wir wissen am Ende kaum mehr über diesen Nikolaus Lenau, wir kennen weder seine Emotionen besser, noch sein Werk. Holliger macht keine Künstleroper, fassbar wird dieser Dichter kaum. Fühlbar hingegen schon: Wir hören in seinen Kopf, lauschen in seine Seele, lassen die Worte und Laute seiner poetischen Notizen auf uns wirken. Wir sehen in die Welt seiner grossbürgerlichen Existenz, ohne wirklich etwas über seine Leidenschaften zu erfahren. Lenaus Liebe zur verheirateten Sophie von Löwenthal interessiert Holliger nicht als tragische Liebesgeschichte, sondern nur als Echo im Kopf des Kranken. Genauso verfährt er mit dem übrigen Personal, dem Schwager Anton Schurz, der eine wichtige Stütze am Ende von Lenaus Leben war, mit der Mutter, die ihn fast schon inzestuös geliebt hat, mit weiteren Affären, an denen in Lenaus jungem Leben kein Mangel war. Sie alle kommen nicht als reale Personen auf die Bühne, sondern als Gedächtnisbilder und Erinnerungsfetzen, oft auch als sich überschneidende Projektionen oder auch als Traumbilder. Und so ist hier für einmal Regie nicht Kommentar, Pointierung oder Interpretation, sondern – wie essich das für eine Uraufführung gehört – nichts anderes als die adäquate Umsetzung der Vorlage. 

Reinmar Wagner

Bild: Paul Leclaire / Opernhaus Zürich