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Uraufführung des Vico Torriani-Musicals «Hotel Victoria» in St. Moritz

Erstellt von wagner
Rindsfilet cantabile und Ananas aus Caracas: Vico Torriani ist wieder auf der Bühne. Der Bündner Regisseur und Theatermacher Felix Benesch hat mit «Hotel Victoria» den Spagat zwischen «Silberfäden»-Nostalgie und modernem Musical geschafft. Die Premiere am Mittwoch in St. Moritz geriet zum umjubelten Triumph. Ab 9. März läuft die Produktion auch im Churer Theater.

1973, der Stern des Schlagerstars und Showmasters Vico Torriani ist am Verblassen, die glitzernde Disco-Welt lässt seinen Schnulzen-Charme alt aussehen. Eine grosse Kiste, ein Revival der legendären Koch- und Musik-Show «Hotel Victoria» soll Vico zurück bringen ins Rampenlicht und die volatile Aufmerksamkeit des grossen TV-Publikums mit Herz, Musik und Kochkunst erneut gewinnen. Die Proben laufen bestens – bis Torriani von einem Podest stürzt und sich am Rücken verletzt: Halskrause, Rollstuhl, Auftrittsverbot.

Da erinnert sich der Kameramann, in Berlin mal ein ganz passables Torriani-Double erlebt zu haben. Der Widerstand des echten Vico bröckelt mit fortschreitenden Rückenschmerzen und näher rückendem Showtermin und so wird dieser Rico eben eingeladen. Er entpuppt sich als pures Gegenteil des Originals: Schwul wie aus dem Bilderbuch, steht auf «Stayin’ alive», Donna Summer und die BeeGees und in der Küche wird das Messer in seiner Hand zur Axt oder Säge. Bloss: Singen wie der Vico kann der Rico und weil ruinöse finanzielle Konsequenzen drohen, fügt man sich zähneknirschend in die Klamotte.

Das ist die (natürlich fiktive) Ausgangslage für die Story im Vico Torriani-Musical «Hotel Victoria» vom Bündner Theatermacher und Regisseur Felix Benesch. Selbverständlich bietet sie vielfältig Gelegenheit, die Lieder dieser Schlager-Legende wieder auf die Bühne zu bringen. Aber Benesch wollte mehr als eine Nummern-Revue, es ist ihm wirklich gelungen, den Torriani-Hits wie «Siebenmal», «Kalkutta liegt am Ganges», «In der Schweiz» und natürlich «Silberfäden» eine plausible, vielschichtig und gut erzählte Rahmenhandlung zu geben. Sie umfasst nicht nur eine nette Liebesgeschichte, sondern schildert auch kenntnisreich die Reibereien unter dem Personal einer opulenten TV-Show und schlägt aus dem doppelten Vico im Finale noch einmal kräftig bühnenwirksames Klamauk-Kapital.

Da bricht  sich dann neben der Freude an den Liedern Torrianis auch ungeniert die Leidenschaft des Theatermenschen Bahn, der mit Slapstick und Bricolage auch gerne einfach unterhalten will. So wird der Schlagabtausch zwischen Regisseur und Produzent – weil Dietmar Horcicka beide Rollen spielt – zur gekonnten Interaktion zwischen Mensch und Video oder die etwas verrutschen Erinnerungen der verliebten Produktionsassistentin werden per Retour-Suchlauf akrobatisch an die entscheidende Stelle zurückgespult.

Beneschs Inszenierung hat aber auch Tiefen und melancholische Momente, die Dichte der Stimmungen sorgt für Abwechslung und Intensität. Samuel Zünd in der Titelrolle hat sich nicht nur bis in die kleinsten Details die Lieder Torrianis angeeignet, sondern lässt ihn in seiner ganzen charmanten Noblesse bis hin in die Nuancen der Sprache auferstehen. Der Lokalmatador Christian Jott Jenny mit seinem helleren Tenor singt das Torriani-Double und meistert nicht nur diese Herausforderungen bravourös – ebenso wie die Falsett-Koloraturen der BeeGees – sondern lebt auch schauspielerisch den sensiblen Berliner Schwulen mit viel Lust an den entsprechenden Klischees aus.

Für die Uraufführung wählte Benesch passend das liebevoll aus dem Dornröschenschlaf wach geküsste Hotel «Reine Victoria», das zwar über einen wunderschönen Theatersaal aber nicht die geringste Bühnen-Infrastruktur verfügt. Ein Kraftakt also auch für Technik und Ausstattung, und man kann dem ganzen Team attestieren, dass es diese schwierigen Verhältnisse mit viel Professionalität bewältigt hat. Die Premiere jedenfalls lief wie am Schnürchen, selbst technisch anspruchsvolle Elemente wie die Video-Einblendungen gelangen pannenfrei und im Timing perfekt; ebenso wie die fulminant aufspielende achtköpfige Band unter der Leitung von Ludger Nowak in keinem Moment aus dem Takt geriet und die Choreographien von Alexandre Tourinho die Goldenen Zeiten des Fernseh-Balletts gekonnt wieder aufleben liessen.

Aber warum gerade Vico Torriani? Geht die Nostalgie-Welle, die Rock-Dinosaurier wie Uriah Heep, Iggy Pop oder Status Quo wieder auf die Bühnen spült, im Schlager-Genre weiter? Leben bald Caterina Valente, Heino oder Peter Alexander wieder auf? So einfach hat es sich Felix Benesch nicht gemacht. Da war wohl der Wunsch, das Musical-Fach für sich zu meistern, da war auch die gemeinsame Herkunft aus dem Engadin, aber auch die Faszination für einen viele Jahre lang enorm erfolgreichen Entertainer, der in ärmlichsten Verhältnissen aufwuchs und sich mit Singen und Kochen die Glamourwelt der grossen Fernsehshows eroberte und dabei doch keine öffentliche Person wurde, sondern wenig Persönliches preisgab.

Und seine Lieder? Schon witzig, wie man sich auch heute mühelos über platteste Herz-Schmerz-Reime und Nonsense-Alliterationen in diesen Texten freuen kann, überraschend durchaus, wie wenig sich der Kitsch-Faktor negativ manifestiert. Natürlich triefen die Harmonien, aber ein jazzig angehauchter Bigband-Sound in Ludger Nowaks gekonnten Arrangements und knackige Latin-Rhythmen wiegen viel davon wieder auf. Eine Lach-Nummer für sich sind die gesungenen und liebevoll choreographierten Kochrezepte. Eines zeigt diese Produktion jedenfalls deutlich: Diese Klassiker der Unterhaltungsmusik haben das Potenzial auch heutige Ohren zu begeistern.

Reinmar Wagner

Bild: Aline Spleiss

Weitere Vorstellungen im Hotel «Reine Victoria» in St. Moritz: bis 28. Februar, Vorstellungen am Theater Chur: ab 9. März. www.musical-hotelvictoria.ch