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Uraufführung des «Matterhorn»-Musicals in St. Gallen

Erstellt von wagner
Matterhorn: Ein Berg als Musical: Das St. Galler Theater macht seinem Ruf als führende Musical-Bühne der Schweiz weiter Ehre: Die Geschichte der Erstbesteigung des Matterhorns hat es in die erfahrenen Hände von Michael Kunze und die etwas weniger erfahrenen des Songwriters Albert Hammond gelegt. Die Premiere am Samstag zeigte: Die Alpinisten-Geschichte funktioniert bestens auf der Musical-Bühne.

Es waren dramatische Tage im Juli 1865 in Zermatt. 19 Versuche hatte es schon gegeben, den vielleicht schönsten Schweizer Berg zu besteigen. Die Italiener waren von Breuil aus bereits aufgebrochen, der britische Alpinist Edward Whymper, der sich ebenfalls schon wiederholte Male die Zähne an diesen Felsen ausgebissen hatte, stand unter Zeitdruck, und er entschied sich für die schwierigere, aber schnellere Route von Zermatt aus, stieg mit einer recht zufällig zusammen gewürfelten Siebner-Gruppe auf. Und erreichte ein paar Stunden vor den Italienern schliesslich sein Ziel: Erster auf dem Matterhorn.

Beim Abstieg dann die Tragödie: Ein junger, wenig erfahrener Engländer stürzte auf den Bergführer, der vorausging, riss ihn und zwei weitere Mitglieder der Seilschaft mit. Whymper und die beiden Einheimischen, Vater und Sohn Taugwalder, überlebten, weil das Seil, das sie verband, unter ihnen riss. Spekulationen, das Seil sei durchgeschnitten worden, hielten sich lange Zeit hartnäckig, waren aber schon unmittelbar nach dem Absturz widerlegt worden.

Ist das der Stoff für ein Musical? Natürlich nicht – ausser wenn man Michael Kunze heisst. «Rebecca», «Tanz der Vampire», «Mozart!», «Marie Antoinette» oder «Moses» – wer in der Musical-Szene so viele Erfolge feierte, kann auch einen Berg zum Sujet machen. Ganz leicht allerdings ist es auch dem deutschen Autor nicht gefallen: Die Geschichte hat ein paar Schwierigkeiten, so richtig in die Gänge zu kommen. Kunze wollte den historischen Gegebenheiten gerecht werden, so musste er eine Vielzahl von Figuren einführen. Und weil aus britischen Bergsteigern und Zermatter Dorfbewohnern nur wenige gute Musical-Szenen gewonnen werden können erfand er einerseits – naheliegend – eine Liebesgeschichte und andererseits – ein sehr wertvoller und gelungener Kunstgriff – eine Art Berggöttin oder Personifizierung der Natur namens Orka, die für die anderen Figuren nicht physisch fassbar, aber sehr wohl wahrnehmbar ist.

Für sie konnte auch der Arrangeur Koen Schoots etwas tiefer in die Kiste mit musikalischen Farben und Formen greifen. Sonst glichen sich seine Arrangements doch recht schnell: sanfte Gitarrenzupfer mit Celloschluchzern oder dann das volle Programm der Rockband. Dazu manchmal Alphorn und Handorgel als Stil-Zitate der Schweizer Alpenlandschaft. Noch eine dritte Figur allerdings erhält musikalisch ein besonderes Profil: Luc Meynet, der bucklige Wasserträger, der schikaniert und ausgenutzt wird. Ihm, dem hässlichsten, haben Albert Hammond und Koen Schoots die kunstvollste Stimme gegeben: Er singt ätherisch schöne Linien als Countertenor, begleitet von barocken Stilzitaten.

Und der Sänger dieses Aussenseiters, der Italiener Luigi Schifano, stahl in seiner grossen Nummer «Die Nacht ist kalt» allen anderen die Show, selbst dem Gipfelhelden Whymper, der von Oedo Kuipers sehr ausdrucksvoll und textverständlich gesungen wurde oder Sabrina Weckerlin, die als Orka auch stimmlich starke Seiten zeigte.

Die literarischen Qualitäten von Kunzes Reimen sind bescheiden, das ist nicht neu, prägte schon die anderen seiner Arbeiten, die in St. Gallen auf die Bühne kamen. Die Songs von Hammond – Hits wie «It never rains in southern California» gehen auf sein Konto – zeigen gekonnt-solides Handwerk. Der Brite, der bisher nie für das Musical arbeitete, erfindet sich nicht neu. Dass die musikalische Arbeit letztlich überzeugte, lag nicht an ihrer Originalität, aber sicher an der soliden Umsetzung aller Beteiligten unter der Leitung von Bernd Steixner.

Szenisch zeigte sich mehr Raffinesse in dieser Uraufführung. Vor allem das sehr vielseitige Bühnenbild von Peter J. Davison und die Videos der Berliner Bilderschmiede «fettFilm» überzeugten. Als Regisseur wurde eine in Bollywood entdeckte und in Hollywood gross gewordene Koryphäe verpflichtet: Shekar Kapur (bekannt vor allem für seine «Elisabeth»-Filme mit Cate Blanchet) hielt den turbulenten Reigen der vielen Szenen handwerklich gekonnt am Laufen. Mehr war auch nicht nötig – und die paar Bollywood-Choreographien des ökologischen Gewissens Orka und ihrer Entourage nehmen wir ebenfalls als Stilzitat.

Reinmar Wagner

Bild: Andreas J. Etter / Theater St. Gallen