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«On the Town» von Leonard Bernstein in St. Gallen

Erstellt von wagner
Matrosen auf Landurlaub, Mädchen und Alkohol, 24 Stunden Zeit, sich auszutoben. Das Theater St. Gallen brachte das erste Musical «On the Town» des später mit «West Side Story» weltberühmten Komponisten und Dirigenten Leonard Bernstein auf die Bühne: Ein Gute-Laune-Musical, interpretiert auf hohem Niveau.

Das Kriegsschiff stoppt nicht auf irgendeiner einsamen Pazifik-Insel, nein, in New York, der pulsierenden Metropole des Vergnügens. Drei junge Männer haben 24 Stunden Zeit, die Stadt zu entdecken, sich zu vergnügen, abzustürzen, oder auch sich zu verlieben. Dieser Stoff reizte den jungen Komponisten Leonard Bernstein zu seinem ersten Musical. Gerade hatte der 26jährige seine erste Sinfonie «Jeremiah» erfolgreich zur Uraufführung gebracht, jetzt fühlte er sich reif, dem Vorbild Gershwin in diesem typisch amerikanischen Genre nachzueifern. Warm gelaufen hatte er sich 1944 mit «Fancy Free», einem 30-minütigen Ballett, das er zusammen mit dem Choreographen Jerome Robbins für die New Yorker Met erarbeitet hatte. Dessen grosser Erfolg motivierte die beiden, den Stoff zu einem abendfüllenden Musical auszubauen, und bloss neun Monate später feierte «On the Town» erfolgreich Premiere am Broadway. Die musikalischen Idiome zwischen Klassik und Jazz kannte der geniale junge Musiker, der alles verschlang, was ihm vor die Ohren geriet, bereits so gut, dass es ihn nicht die geringste Mühe kostete, eine überaus farbige, abwechslungsreiche und handwerklich sattelfeste Partitur zu schreiben.

1944, Amerika steckte im Krieg, aber das Töten und Sterben war weit weg, an der Heimatfront war Unterhaltung angesagt. Der Krieg ist kein Thema in Bernsteins Musical, gleichwohl hat Josef E. Köpplinger, der Regisseur der neuen St. Galler Produktion, ein paar Bilder von Pearl Harbour und tieffliegenden Bombern an passenden Stellen einmontiert, um daran zu erinnern, dass die nächste Fahrt durchaus das Ende des Lebens dieser jungen Männer sein könnte. Aber das sind nicht mehr als kurze nachdenkliche Momente in einer sehr quirligen, ideen- und temporeichen Inszenierung. Der ehemalige Schauspieldirektor des Theaters St. Gallen und heute Intendant des ko-produzierenden Münchner «Gärtnerplatz-Theaters» hält zusammen mit dem Choreographen Adam Cooper die Ereignisdichte permanent hoch, überzeugt mit viel Witz und Slapstick und stimmigen Szene-Wechseln, die mit ebenso einfachen wie schlüssigen Mitteln realisiert werden (Bühne: Rainer Sinell) und hält sein Ensemble in stetiger Bewegung.

Die Texte wurden für die Aufführung an John Neumeiers Hamburger Ballett 1991 vom Librettisten Claus H. Henneberg (nicht vom Schriftsteller Claus Henneberg wie das St. Galler Programmheft suggeriert) dem aktuellen Sprachgebrauch angepasst. Die deutschsprachigen Darsteller haben damit keine Mühe, aber auch die Songs, die im originalen Englisch gesungen werden, entfalten dank bestens trainierten Musical-Stimmen mühelos ihr Potential. Den Hit «New York, New York» singen die drei Männer, aber insgesamt erhielten die Frauen von Bernstein die besseren Songs, und es war auch Bettina Mönch als nymphomanische Hobby-Anthropologin Claire, die mit sängerischer Bravour und stimmlicher Vielseitigkeit das insgesamt gut besetzte Ensemble überstrahlte.

Je höher der Alkoholpegel steigt, je schummriger die Bars werden, in die Bernstein seine Protagonisten abtauchen lässt, desto schräger wird die Musik. Sie zitiert wild durcheinander die Töne und Rhythmen, die man in den 40er Jahren gerade in den Bars und Clubs New Yorks – «Lenny» kannte diese Szene – hören konnte. Aber er schuf dazwischen mit den Mitteln des Sinfonieorchesters auch gegensätzliche Sphären und Stimmungen, à la Strawinsky, Prokofjew, Mahler oder auch mit einem Schuss Impressionismus. Diese stilistische Vielfalt mit der gebotenen Lockerheit zum Klingen zu bringen, ist keine einfache Aufgabe, aber Michal Brandstätter löste sie hervorragend, unterstützt mit viel Spiellust vom Sinfonieorchester St. Gallen, dem man aber auch anhören konnte, dass Bernsteins Partitur an individueller Virtuosität sehr viel verlangt, was die Musiker durchaus hin und wieder an die Grenzen ihres Könnens brachte. 

Reinmar Wagner

Bild: Andreas J. Etter / Theater St. Gallen