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Szymanowskis «König Roger» in Bern

Erstellt von wagner
Flirt mit dem Publikum: Ludger Engels arrangierte im Berner Theaeter eine Love-Parade zu Szymanowskis glühend intensiver Musik und versuchte, die Ekstase von «König Roger» ins Publikum zu tragen.

Szene S. 50

Frauenstreik, Klima-Demo, «Fridays for Future» – Selten wurde soviel demonstriert auf Schweizer Strassen und Plätzen. Das Gemeinschaftsgefühl, das solche Menschenmassen unter den Teilnehmenden auslösen, versuchte der Regisseur Ludger Engels im Berner Theater ins Publikum zu tragen. Und es gibt in der Oper «König Roger», die an sich im Sizilien des 12. Jahrhunderts spielt, tatsächlich eine Szene, die dafür sehr gut geeignet ist: Der junge Hirte, ein dionysischer Verführer – vielleicht sogar der Gott des Weins, der Freude und der Ausgelassenheit selber – animiert die Volksmassen zu einem ekstatischen Tanz, dem sich trotz anfänglich heftigem Widerstand der kirchlichen Würdenträger kaum jemand entziehen kann. 

Auch das Berner Publikum nicht: Aus dem Parkett stehen Statisten auf und halten Plakate hoch, aus den Logen hängen plötzlich Transparente, die Zuschauer in der ersten Reihe werden eingeladen, mit auf die Bühne zu gehen, was leicht ist, denn sie reicht bis ins Parkett, das Orchester spielt hinter der Szene. Schon sind wir mitten in einer Love-Parade, und Szymanowskis glühend intensive Musik tut das ihre, alle mitzureissen. König Roger selber verfolgt das Fest als Pilger verkleidet, und kann sich als Einziger dem Sog der dionysischen Orgie entziehen. Der aufgehenden Sonne singt er eine ekstatischen Begrüssung entgegen, eine Hymne an Apollo, den Gott des Lichts, der Vernunft – und der Musik. Sieger in diesem Wettstreit aber bleibt eindeutig Dionysos, der als Ketten-sprengender Verführer die Volksmassen hinter sich bringt.

Das grandiose Hauptwerk von Karol Szymanowski (1882-1937) ist ein Oeuvre, das man kaum Oper nennen mag, so ritual- und oratorienhaft ist seine soghafte, auf gigantische Klangflächen und ekstatische Chortableaus angelegte Musik. Und seine Chromatismen-selige Melodik mutet wie eine Steigerung von Wagners «Tristan» an. Hoch dramatisch ist diese Musik, aber nicht im Sinne der Unterstützung einer Opernhandlung, sondern in sich glühend, farbig, ekstatisch. Für den Dirigenten Matthew Toogood, seit dieser Saison interimistisch musikalischer Leiter am Berner Theater, war die Aufgabe nicht gerade einfach. Zwar führte er das Orchester sicher und klanglich mitreissend in der grossen, intensiven Klangfarbenpalette, die Szymanowski 1926 zwischen den Vorbildern von Wagner, Richard Strauss, Debussy oder Janácek anrichtete. Aber er hatte keinen Kontakt zu seinen Solisten, die hinter ihm nur auf die Monitore reagieren konnten. So mussten sie sich gegenseitig fast blind vertrauen, was an der Premiere aber erstaunlich gut klappte. 

Die personifizierte Verführung wurde in Bern dem Tenor Andries Cloete anvertraut. Der Südafrikaner ist seit vielen Jahren im Ensemble und hat schon die unterschiedlichsten Rollen gesungen. Die charismatische Wärme seiner Stimme passt wunderbar zu diesem dionysischen Verführer, dem Szymanowski allerdings hin und wieder die ganze Wucht des grossen Orchesters entgegen setzt. Dafür fehlte dann doch das dramatische Quäntchen Metall in Cloetes Tenor. Über mehr stimmlich Reserven verfügt der polnische Bariton Mariusz Godlewski der in der Titelrolle mit vielseitigen sängerischen Mitteln mustergültig die Ambivalenz des emotional zerrissenen Königs zeigte. 

Evgenia Grekova sang die Königin Roksana mit sauber sitzenden Spitzentönen, mit berückend zarten Piano-Linien, aber wenn nötig auch mit wuchtiger Strahlkraft. Und auch Nazariy Sadivskyy als Endrisi blieb seiner Partie nichts schuldig, wie auch der Berner Theaterchor, einstudiert von Zsolt Czetner, seine in diesem Oratorien-haften Stück sehr dankbaren Aufgaben zwar nicht immer ganz lupenrein und homogen, aber insgesamt sehr solid und rhythmisch sattelfest bewältigte. 

Reinmar Wagner

Bild: Ric Schachtebeck / Theater Bern