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St. Gallen: Musical-Premiere «Tanz der Vampire»

Erstellt von wagner
In St. Gallen tanzen die Untoten: Mit der eigenen Adaption des auf Polanskis berühmtem Film beruhenden Jim Steinman-Musicals «Tanz der Vampire» profiliert sich das Theater St. Gallen erneut als führende Musical-Bühne der Schweiz. Die umjubelte Premiere am Samstag präsentierte eine gelungene Show mit guten Darstellern.

Dass die Produktion so richtig zündete, lag vor allem an der Musik. Der amerikanische Rock-Komponist Jim Steinman, der mit Songs für Meat Loaf oder Bonnie Tylers Superhit «Total Eclipse of the Heart» bekannt wurde, hat eine starke, recht harte, und für Musical-Verhältnisse laute, immer wieder auch opernhaft durchkomponierte Partitur geschrieben. Obwohl Steinman sich ungeniert bei seinen eigenen Hits, aber etwa auch bei David Bowie bedient, erfüllt er gekonnt und mühelos die Anforderungen eines Musicals. Sein «Tanz der Vampire» seit der Uraufführung 1997 kein bisschen Staub angesetzt. Damals gewann das Wiener Raimundtheater den berühmten Filmregisseur Roman Polanski für die Musical-Adaption seiner legendären Vampir-Persiflage, die 30 Jahre zuvor für Furore sorgte. Mit dem Deutschen Michael Kunze – als Autor von «Elisabeth», «Mozart!» oder «Marie Antoinette» eine feste Musical-Grösse – übernahm ein erfahrener Schreiber die Umarbeitung des Films.

Die damals sehr erfolgreiche Produktion (sie lief über zwei Jahre) ist seither in vielen deutschen Städten in der Originalversion nachgespielt worden, kam aber auch in anderen europäischen Ländern sowie in den USA und Japan auf die Bühne. St. Gallen bekam nun das Recht, eine eigene, neue Inszenierung des Musicals zu produzieren, die dem deutschen Schauspieler Ulrich Wiggers übertragen wurde, der zunehmend als Regisseur tätig ist und in St. Gallen schon «Anna Karenina» inszenierte. Seine Version ist deutlich moderner ausgefallen, ist quasi angekommen in der «Twilight»-Ära, setzt weniger auf «gothic horror» als auf die Zeichnung der versteckten und verdrängten Schatten in unserer ganz alltäglichen realen Welt. So sind wir nun in einer Art Sanatorium für mondäne Kurgäste gelandet, dessen zentrales kuratives Element Knoblauch ist. Nicht verwunderlich, denn in den Gemäuern des Kurhotels, das in den Räumen eines alten Schlosses eingerichtet wurde, haust auch eine unheimliche Schar nächtlicher Vampirgestalten, die in punkigen Kostümen von Franz Blumauer vom Choreographen Jonathan Huor sehr suggestiv und athletisch als attraktive Aussenseiter gezeigt werden, neben denen sich die Kurgäste wie eine brave Sonntagsschule ausnehmen.

Die Parodie- und Persiflage-Elemente, die Polanskis legendären Film von 1967 so berühmt machten, taugen weniger für die Musical-Bühne. Das hat schon die Wiener Originalproduktion erkannt und daraus wieder eine klassische Vampir-Story gemacht, mit all den Elementen, die Polanski eigentlich karikierte. Bloss der trottelige Professor ist geblieben, und Wiggers lässt Sebastian Brandmeir in St. Gallen auch nach Herzenslust chargieren und herumblödeln, wenn er die Vorzüge der Logik preist, aber kläglich hängen bleibt oder ängstlich Reissaus nimmt, wenn er den Vampiren an den Kragen, respektive per Holzpfahl ans Herz sollte. Sonst aber steht die durchaus ernste und leidenschaftliche Liebesgeschichte im blutigen Dreieck Sarah, der Tochter des Sanatoriumsdirektors, Alfred, dem Assistenten des Professors, und dem Vampirfürsten, der hier Krolock heisst, im Zentrum.

Für die Besetzung der beiden männlichen Kontrahenten hatte St. Gallen eine gute Hand:Thomas Borchert, sehr erfahren in dieser Rolle und in St. Gallen bestens bekannt, sang den untoten Grafen mit Power und Charisma, nicht minder geschmeidig und beeindruckend war Tobias Bieri als Alfred. Bei der Sarah von Mercedesz Csampai irritierten Intonationsprobleme und sprachliche Defizite, zu rasch auch fühlte sie sich zum Forcieren genötigt. Insgesamt passten an der Premiere am Samstag noch einige Feinjustierungen nicht. Zum Beispiel blieben manche Texte unverständlich, einerseits in chorischen Nummern wegen der noch nicht perfekten Synchronisation, sonst vor allem aber, weil die Musik von den Mischpulten zu schnell zu laut gedreht wurde. Das machte nicht nur die raschen, witzigen Parlando-Kaskaden des Professors weitgehend unverständlich, sondern verführte die Sänger zu viel stimmlichem Druck mit entsprechenden Defiziten in der Sorgfalt der Aussprache. Im Orchester sass noch nicht jede Partie perfekt, der Dirigent Robert Paul hatte einige Brüche und Koordinationsprobleme zu kitten. Und auch die Lichtregie wird ihr Timing noch in den Griff kriegen: Ein running Gag, wie sie vor allem zu Beginn bei fast jedem Wechsel ihre obligate Verspätungs-Sekunde einholte.

Reinmar Wagner

Bild: Andreas J. Etter / Theater St. Gallen