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sound of sculpture

Erstellt von wagner
Tanzende Muskeln, zerfliessende Formen, Perkussions-Promenaden – Das Sinfonieorchester im Museum: Zur aktuellen Ausstellung «Rodin / Arp» in der Fondation Beyeler haben Musiker des Sinfonieorchesters Basel passende Klassik aufgeführt. Das Ergebnis ist als Video zu sehen.

Ein einsamer Cellist zwischen zwei ikonenhaften Kunstwerken: Rodins «Denker» und eine der «Ptolemäus»-Versionen von Hans Arp. Man braucht keine Musik zu hören, um die Sinnfälligkeit dieses Bildes zu erfassen. Lässt sich dieser Denker vielleicht vom engagierten Cellospiel aus seinen tiefen Gedanken aufwecken? Oder hört er möglicherweise sogar zu, in voller Konzentration? Der Cellist allerdings kehrt ihm den Rücken zu, spielt für die andere Seite, die seinen Klängen gegenüber weit aufgeschlossener scheint. Viel Fantasie braucht es nicht, sich unter der Skulptur von Hans Arp ein Ohr vorzustellen – jedenfalls aus dieser Bildperspektive. Auch wenn sie anders heisst, «Ptolemäus III», und mit der Hinwendung auf den antiken Mathematiker und Astronomen eines der berühmtesten Themen des deutsch-französischen Künstlers variiert.

Der Cellist ist Christopher Jepson, stellvertretender Solocellist des Sinfonieorchesters Basel. Er spielt hier ganz allein eine Allemande von Bach. Ein sanfter Tanz, der wunderbar passt zu den stets organisch fliessenden Formen des Elsässers Hans Arp, die in der Bewegung des Betrachtenden selbst scheinbar in Bewegung zu kommen scheinen unter diesen sanft fliessenden Celloklängen. Aber ebenso zärtlich fährt die Kamera dazu dem sehnig-muskulösen Körper von Rodins Denkers entlang, der wie ein Athlet gebaut ist – ein Boxer stand Rodin Modell für seine vielleicht ikonenhafteste Skulptur – und kontrastiert damit die urtümliche männliche Kraft dieser mächtigen Gestalt.

Die Initiative zu «Sound of Sculpture», dieser Verbindung von klassischer Musik und bildhauerischen Formen kam vom Sinfonieorchester. Nach wie vor darf man zwar proben, aufnehmen und Videos produzieren, aber der Auftritt vor Publikum ist noch immer nicht möglich. Die innovative Verbindung von Kunst, Musik und Film ist zwar spannend und bereichernd, aber ein Ersatz für die Spannung eines Live-Konzerts kann es niemals sein, wie Hans-Georg Hofmann, der künstlerische Direktor des Orchesters, betont. Und auch für die subtilen Finessen im Gesamtklang eines Sinfonieorchesters sind solche Fingerübungen nicht mehr als eine nette Ablenkung, zumal der Klangkörper nie als Ganzes in Erscheinung tritt.

Mehr als drei Musikerinnen und Musiker sind es nie, die sich in den Räumen der Fondation den Skulpturen gegenüber stellen. Man lässt sich Raum, gegenseitig, und auch die Kamera freut sich zwar gerne an den Details der Feinarbeiten in bronzenen Muskelsträngen oder den Fingern virtuos spielender Musiker, aber sie lässt wie Alles in diesem Film die Assoziationen frei fliessen. Schön zum Beispiel, dass die «Danse macabre» von Saint-Saëns, jener schrille Totentanz für Violine und grosses Orchester, nicht einfach die «Höllentor»-Thematik illustriert, an der Rodin praktisch sein ganzes Leben lang arbeitete. Sondern sich in einem ziemlich schrägen Arrangement für Klarinette, Gege, Cello und Klavier um eine von Arps «Daphne»-Variationen gruppiert, jene antike Nymphe, die ihre unspektakuläre Unsterblichkeit, fliehend vor den Nachstellungen Apollons, ihrer Verwandlung in einen Lorbeerbaum verdankt.

Die Symbiose von menschlichen und pflanzlichen Strukturen ist eines der Hauptthemen im Werk von Hans Arp. Sein harmonisch ausgewogener, eher statischer «Torso mit Knospen» etwa erhält wirblige Begleitung von einem munter-verspielten, höchst virtuosen Ausschnitt aus Villa-Lobos' «Bachianas brasileiras» für Flöte und Fagott. So sind Hofmann und die beteiligten Orchestermusiker der Versuchung elegant ausgewichen, einfach Kunst mit Musik zu garnieren. Vielmehr haben sie Stimmungen, Emotionen und Assoziationen aufgegriffen und mit ihren Mitteln aufgenommen, verdichtet oder durchaus auch mit ironischem Blick kommentiert, gerade so wie Hans Arp Rodins «Kuss», der in der monumentalen Gestalt des Dante-Liebespaars Paolo und Francesca zuerst für das «Höllentor» konzipiert wurde, heruntergebrochen hat auf ein niedliches Holz-Relief im Dada-Stil.

Man suchte generell nicht die offensichtlichen Gemeinsamkeiten, sondern den Ausdruck, die Geste, die Stimmung. Von der «Verbindung von Sinnesreizen» und spricht Raphael Bouvier, der Kurator der Ausstellung im Beyeler Museum. Man hat eher die Zeitlosigkeit und Allgemeingültigkeit angestrebt, die sich natürlich in so qualitativ hochstehenden Kunstwerken immer findet. Und man hat sie gespiegelt in der ebenso zeitlosen Allgemeingültigkeit der Musik von Bach oder Britten oder dem «Lament» für zwei Bratschen von Frank Bridge das Hofmann ausgerechnet Rodins «Kuss» unterlegte. Ein Klagelied also für die zeitlos-versunkene Intimität dieser Szene? «In einer Zeit, in der man sich nicht berühren darf, hatte das für mich eine ganz besondere Spannung» sagt Hofmann dazu.

Abstraktion und Dekonstruktion sind als Formprinzipien zentral für Hans Arp, aber auch das Ironisch-Verspielte bis hin zum Surrealen, Zufälligen und scheinbar Sinnlosen, das Arp in seiner Dada-Zeit im Zürcher «Cabaret Voltaire» auslebte. Das wird in der Ausstellung natürlich thematisiert, ebenso wie die Tendenzen zu Abstraktion und Dekonstruktion im Werk von Rodin. In der Auswahl der Musikstücke des Sinfonieorchesters bleiben sie hingegen ausgespart, wo sie doch als Formprinzipien in der Musik des 20. Jahrhunderts eine zentrale Rolle gespielt haben. Mag sein, dass man gespürt hat, dass solche engen Verdoppelungen zu offensichtlich oder zu unsinnlich gewesen wären.

Dafür gibt es sogar eine Uraufführung: Eine Art «Promenades» wie in den berühmten «Bildern einer Ausstellung» von Mussorgsky hat man zwischen die Episoden gestellt. Komponiert hat sie Domenico Melchiorre der Solopaukist des Sinfonieorchesters, der sehr gerne experimentiert mit den vielfältigen Farben der Perkussionsinstrumente. Für diese Gelegenheit hat er seine Schlagwerker-Kollegen zu eher feinen und geheimnisvollen Klängen aufgeboten und selbst zu einem Instrument gegriffen, dessen kryptischer Name allein schon aufhorchen lässt: «Bassdesmophone». Eine Art zweisaitiges Cello auf einem dreieckigen, tischgrossen Metallkorpus, der seine ganz eigenen Resonanzen entwickelt. Melchiorre spielt es selber – kein Wunder, der Instrumenten-Tüftler hat das Ding auch erfunden. Die Kamera allerdings war leider bei diesen Aufnahmen nicht dabei.

Reinmar Wagner

Bild: Videostandbild «Sound of Sculpture», © 2021, ProLitteris, Zürich

 

Das 30minütige Video «Sound of Sculpure» ist auf den Webseiten des Sinfonieorchesters und der Fondation Beyeler frei abrufbar:

www.sinfonieorchesterbasel.ch/de/konzerte.html

Die spannungsgeladene Körperlichkeit Rodins und die biomorphen Formen in der Kunst von Hans Arp inspirieren in der Fondation Beyeler nicht nur klassische Musik, sondern auch die körpernächste Kunstform, den Tanz. Die belgische Choreographin Anne Teresa De Keersmaeker – eine der prägendsten Künstlerinnen im modernen Tanz – hat zu dieser Ausstellung eine Performance kreiert, die vom 18.-28. März gezeigt wird.

Die Ausstellung «Rodin / Arp» ist noch bis zum 16. Mai 2021 zu sehen. Seit dem 1. März ist das Museum geöffnet. Wegen der beschränkten Anzahl zugelassener Besucher wurden Zeit-Slots eingeführt, und es wird empfohlen, die Tickets online zu buchen.