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Simon Rattle und die Berliner beim Lucerne Festival

Erstellt von wagner
Im ersten ihrer zwei diesjährigen Konzerte beim Lucerne Festival brachten die Berliner Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten Simon Rattle Haydns Oratorium «Die Schöpfung» im KKL zur Aufführung. Mit einer ungewohnten Ouvertüre.

Das Chaos hatte Haydn vor Augen, als er die Ouvertüre zu seinem Oratorium «Die Schöpfung» komponierte: Musik ohne Ziel, Melodien ohne Richtung, Harmonien ohne Boden, ungewiss ist alles, undurchdringlich. Für unsere abgehärteten 20.-Jahrhundert-Ohren allerdings klingt das vergleichsweise immer noch nach schöner, harmonischer Musik. Und so sind wir nur sehr schwer in der Lage, die Stimmung und den Eindruck nachzuvollziehen, die Haydn bei diesem Beginn für seine Zeitgenossen vorgeschwebt haben.

Darum haben die Berliner Philharmoniker eine neue Ouvertüre bestellt, beim österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas, von dem sie 2014 schon das gross angelegte Orchesterwerk «dark dreams» aufgeführt haben. Am 25. August eröffneten sie mit «ein kleines symphonisches Gedicht» die Saison in Berlin, fünf Tage später gastierten sie mit demselben Programm im Luzerner KKL. Das zehnminütige neue Orchesterwerk von Haas entpuppt sich als fingerfertige Kompositionsübung eines routinierten Orchestrierers mit schilllernden Klangflächen aus subtil geschichteten Instrumentenkombinationen, mit verwischten rhythmischen Verläufen und oft in Glissandi mäandernden Tonhöhen, zudem mit gelegentlichen Eruptionen und zwischendurch in Wohlklang verharrenden Akkorden. Chaos klingt ein wenig anders, aber das war offenbar auch nicht mehr die Absicht dieses Stücks: «Ein Ritual» habe er komponieren wollen, liess Haas verlauten, «ein Ritual für Heilung und Licht».

Licht ist auch kein schlechtes Stichwort für Haydns «Schöpfung»: Berühmt ist das subito-fortissimo beim Satz «und es ward Licht», nicht  minder berühmt der majestätische Sonnenaufgang, und darüber hinaus zeichneten Haydn und der Librettist Baron van Swieten ein sehr heiles, ungetrübtes Bild des paradiesischen Daseins von Adam und Eva: Nur ganz kurz erklingt die Warnung vor «falschem Wahn» ansonsten dominiert das Lob Gottes und die Dankbarkeit über Herrlichkeit seiner Schöpfung.

Haydn hatte zudem hörbar sehr viel Freude an ausdrucksvollen Tonmalereien im Schildern von Tieren oder Naturereignissen, und Simon Rattle war die Begeisterung anzumerken, diese illustrativen Gesten und Motive in aller sprechenden Deutlichkeit nachzuzeichnen. Zudem bewies er auch in diesem Konzert eines seiner Markenzeichen, das deutliche, elastische und lebendige Ausgestalten der gesamten Bandbreite dynamischer Stufen, womit er viel Spannung ins musikalische Geschehen bringen konnte. Eindrücklich auch, welch transparentes und lebendig modelliertes Haydn-Klangbild Simon Rattle seinem Orchester mittlerweile beigebracht hat: Schlank und stets sprechend, mit elastischer Tongebung und zurückhaltendem Gebrauch von Vibrato spielen die Streicher auch in grosser Besetzung und die Solo-Holzbläser der Berliner sind ohnehin immer eine Klasse für sich.

Zu diesem Klangbild passt auch, dass ein Hammerflügel die Rezitative begleitete. Und Rattle hatte ein zwei Sänger zur Seite, die  sich in dieser musikalischen Ästhetik virtuos zu bewegen wissen: Mark Padmore – einer der aktuell besten Evangelisten – sang die Tenorpartie ausdrucksvoll und stets textverständlich, ein paarmal allerdings an den Grenzen seiner stimmlichen Möglichkeiten, im Gegensatz zu Florian Boesch, der souverän und frei wirkte und sich im Auskosten der musikalischen und deklamatorischen Möglichkeiten seiner Partie ein paar hübsche Extravaganzen erlaubte. Für Genia Kühmeier eingesprungen ist die junge französische Sopranistin Elsa Dreisig: eine virtuose, ausdrucksstarke, klar zeichnende und deutlich fokussierende Stimme, deren Opernkarriere mit Stationen in Berlin, Zürich oder Paris auf besten Wegen ist. Mit dem deutschen Text stand sie noch nicht so recht auf freundschaftlichem Fuss und die Subtiltät von Rattles Ausdeutung der Partitur ging immer wieder ein wenig an ihr vorbei, wenn sie ihre Linien deutlich zu plakativ und etwas zu gewöhnlich gestaltete. Keine Wünsche offen blieben beim Chor, dem Berliner Rundfunkchor, jedenfalls keine klanglichen. Rhythmisch waren ein paar wenige wacklige Stellen zu verzeichnen.

Reinmar Wagner

Bild: Priska Ketterer / Lucerne Festival