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Schubert: Fierrabras in Bern

Erstellt von wagner
Mario Venzago und Elmar Goerden versuchen in Bern eine Ehrenrettung des Opernkomponisten Franz Schubert. Sie gelingt mit dem letzten musikdramatischen Werk Schuberts, «Fierrabras», nur teilweise.

Seit dem «Fierrabras», den Claudio Abbado und Ruth Berghaus1988 in Wien sensationell auf die Bühne brachten, ist Schuberts Ruf als Opernkomponist langsam, aber stetig am Steigen. Nicht unwesentlichen Anteil daran hatte auch das Opernhaus Zürich, wo «Des Teufels Lustschloss», dann «Alfonso und Estrella» unter Nikolaus Harnoncourt, und «Fierrabras» in einer klugen Inszenierung von Claus Guth aufhorchen und erahnen liess, welches Potential in den 18 teils Fragment gebliebenen Bühnenwerken Schuberts steckt, die alle bis 1823 entstanden. Was haben denn Verdi, Wagner, Strauss, sogar Mozart bis ins Alter von 26 Jahren an Opern fertiggebracht? Verdi den Erstling «Oberto», Wagner «Die Feen» und «Das Liebesverbot», Strauss nichts, nur Mozart war immerhin bei «Idomeneo» und «Entführung» angelangt. Natürlich ist das letztlich kein schlüssiges Argument, aber es kann die Zweifel an Schuberts Fähigkeit zur Operndramaturgie doch etwas relativieren. 

Denn wirklich geschickt geht Schubert nie mit dem Anforderungen und Möglichkeiten der Gattung Oper um, das zeigte sich auch in Bern im «Fierabras» – man unterschlägt hier eines der beiden «r» mit dem Verweis auf die etymologische Herkunft des Namens: Fier-à-Bras, der «eiserne Arm». Die Ungeschicklichkeiten beginnen mit dem Libretto: ein ausuferndes mittelalterliches Ritter-Epos mit zwei Königen, zwei Helden und zwei Liebespaaren in den wichtigsten Rollen. Das Berner Programmheft braucht sechs Seiten, die Story aus dem Umfeld der Feldzüge Karls des Grossen gegen die Mauren nachzuerzählen. Die gesprochenen Texte hat man in Bern zusammengestrichen oder rezitativisch mit passender Musik unterlegt, was dem Stück nicht schlecht bekommt, aber oft die uninspirierten Längen nicht kaschieren kann, Längen, die erstaunlicherweise entstehen, ohne dass sich Schubert überhaupt trauen würde, die grosse emotionale Operngeste auszubreiten. 

Vieles ist tatsächlich zu liedhaft gedacht. Dafür schreibt Schubert wunderschöne Chöre – in fast jeder Nummer, und machte damit sein letztes musikdramatisches Werk zu einer veritablen Chor-Oper. Und zu einer dankbaren Aufgabe auch für das Orchester, mit Horn-gesättigten Harmonielinien, mit viel Sinn für Klangfarben und einem starken Seitenblick auf Rossini. 

Schuberts Anwalt am Dirigentenpult in Bern ist der Chefdirigent Mario Venzago. Wie wir es von ihm kennen, glüht und drängt alles: keine Möglichkeit zur Dramatisierung, die er nicht ausnutzen würde, keine Akzente, die nicht zugespitzt würden. Sein Schubert wirkt dadurch sehr lebendig und energiegeladen, allerdings durchaus auch burschikos und bisweilen etwas hemdsärmlig. Und das Orchester ist tendenziell eher laut, was für einen Teil der Berner Sängerbesetzung ein Problem darstellte: Intakte, fähige Stimmen allesamt, rollengerecht besetzt auch, die aber fast ständig darauf angewiesen waren, mit den obersten zehn Prozent ihrer dynamischen Möglichkeiten zu singen, womit sie sich zwar an der Premiere nicht die Stimmen ruinierten, aber doch auf viele sängerische Nuancierungen, die Schubert durchaus gut anstehen würden, verzichten mussten. Am meisten ins Gewicht fiel das bei Evgenia Grekova als Florinda und beim König Karl von Kai Wegner, weniger Reserven mobilisieren mussten Todd Boyce als Roland oder Elissa Huber als Emma, aber auch Andries Cloete in der Titelrolle zeigte ein beachtliches Rollenportrait – ebenso wie der Berner Theaterchor fast alle seiner dankbaren Aufgaben mit Bravour bewältigte. 

Wie aber soll man diese Oper inszenieren? Elmar Goerden kam sicher nie in Versuchung, eine realistischer Ritter-Ballade zu zeigen, aber er fand offenbar im Stück auch nicht genügend Elemente für eine Aktualisierung. So entschloss er sich zu einer zeitlosen Abstrahierung mit aussagekräftigen Kostümen und geometrischen Mustern für die Bühne, auf der er hauptsächlich den Generationenkonflikt aus der Handlung destillierte und akzentuierte. Etwas schräg zu diesen Ideen standen die zahlreichen Gags und Karikierungen, mit denen Goerden die Handlung aufpeppte, es damit aber dennoch nicht wirklich schaffte, den statischen Eindruck seiner szenischen Anlage nachhaltig zu durchbrechen.

Reinmar Wagner

Foto: Tanja Dorendorf / KonzertTheaterBern