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Russische Märchen in St. Gallen

Erstellt von wagner
Fantasy-Parodie und Zivilisationskritik: Zwei nur ganz selten zu hörende russische Märchen-Opern aus dem Fin de Siècle kombiniert das Theater St. Gallen in seiner jüngsten Musiktheater-Produktion. Sowohl Rimsky-Korsakows «Kaschtschei» wie Strawinskys «Nachtigall» gelingen unter der Leitung des neuen Chefdirigenten Modestas Pitrenas sehr schlüssig und überzeugend.

Beides Märchen-Stoffe, beides einstündige Kurzopern, beide von russischen Komponisten – und damit hören die Gemeinsamkeiten auf. Obwohl Strawinsky ein Schüler von Rimsky-Korsakow war, und nur gerade zwölf Jahre die Uraufführungen der beiden Stücke trennen, liegen musikalische Welten dazwischen. Rimsky-Korsakow schreibt in spätromantischer Harmonik mit Einflüssen aus der russischen Volksmusik, dabei sehr farbenreich für die Orchesterbläser, eher lyrisch für die Singstimmen. Strawinsky dagegen ist in der Moderne angekommen: Zwar hier bei weitem nicht so rhythmusbetont wie im «Sacre de Printemps», mit dem er ein Jahr davor die Musikwelt zum Kochen brachte, sondern viel eher in wunderschön impressionistischer Klangmalerei und für die Nachtigall natürlich mit den zu erwartenden Zwitscher-Koloraturen, die nicht nur dem Sopran, sondern genauso den Flöten und anderen Holzbläsern einiges an technischen Fertigkeiten abverlangen. 

Wenn an der Premiere in St. Gallen diese Nachtigall auch noch nicht hundertprozentig präzis und intonationsgenau gelang, so verdienen sowohl die iranische Sopranistin Sheida Damghani wie die Orchestermusiker höchsten Respekt für ihre rhythmisch vertrackten Akrobatik-Einlagen. Und die auf dem Papier riesig instrumentierte Partitur klingt unter Pitrenas Händen ausgesprochen subtil und fein ausgehorcht, was wiederum den Sängern entgegen kam, unter denen neben der trillernden Nachtigall vor allem der Fischer von Nik Kevin Koch mit seinem innigen Lied aufhorchen liess. Ähnlich die Situation im «Kaschtschei», wo die glühenden Farben und üppigen Harmonien manchen Dirigenten verführen mögen. Pitrenas dagegen dosierte klug, ohne die Musik in ihrer Wirkung auszubremsen, was wiederum den Sängern ermöglichte, mehr als nur ihre volle Forte-Stimme zu zeigen: Der Mezzosopranistin Ieva Prudnikovaite und der Sopranistin Tatjana Schneider gelang Variantenreichtum und sängerische Geschmeidigkeit besonders gut. 

Dass die Musik dieser beiden Stücke völlig verschieden ist, hat den Regisseur Dirk Schmeding, der zum ersten Mal in der Schweiz arbeitet, dazu bewogen, ebenfalls zwei völlig verschiedene Inszenierungen zu entwerfen. Für «Kaschtschei», den bösen Zauberer, der seine Sterblichkeit in die Tränen seiner nicht minder grausamen Tochter eingeschlossen hat, die aber von der reinen Liebe eines jungen Paares schliesslich doch zu Tränen gerührt wird, hat sich Schmeding im Universum der Science-Fiction- und Fantasy-Filme bedient und zitiert sich mit seinem Video-Künstler Johannes Kulz quer durch «Space Odyssey», «Star Wars» und Konsorten: Der Zauberer, eine tattergreisige Variante des nadelgesichtigen Bösewichts aus den «Hellraiser»-Filmen, hat die Prinzessin (die Leia gleicht) auf einen einsamen Asteroiden vor dem glühenden Wabern eines galaktischen Sternhaufens entführt. Aber der Held – eine Kreuzung aus Flash Gordon und Luke Skywalker – naht mit Hilfe eines skurril-putzigen Luftgeistes, widersteht der Verführung der Zaubertochter und sorgt für das Happy End. Es gelingt Schmeding, seine Karikierungen und Slapstick-Einlagen nicht derart dominant werden zu lassen, dass sie die Ernsthaftigkeit der Musik zu sehr untergraben würden.

Zivilisationskritik dann für die «Nachtigall», für die Strawinsky auf das bekannte China-Märchen von Andersen zurück griff: Natur gibt es nur in Strawinskys zauberhaften Orchesterklängen, unser Fischer fischt auf der Müllhalde einer Grossstadt. Sonne und Meer gibt es nur auf den Werbe-Bildschirmen eines Technologiekonzerns. Dass man da den Gesang der Nachtigall hören könnte, ist zwar eher unwahrscheinlich, aber die ist eher als ein richtiger Vogel hier die utopische Idee eines besseren Lebens, verkörpert durch ein kleines Kind, während die Sopranistin die Partie von der Seitenempore aus singt. Der Kaiserhof ist dann konsequenterweise die Jahrespräsentation des angesprochenen Technologiekonzerns – man darf an die legendären Apple-Shows von Steve Jobs denken – die mechanische Nachtigall-Konkurrenz kommt als 3D-Brille vom japanischen Konkurrenten und – eine Verbindung gibt es doch zwischen den beiden Stücken – der Tod, der schliesslich durch den Gesang der Nachtigall ebenfalls derart verzaubert wird, dass er den Kaiser verschont, ist niemand anderes als die Kaschtschei-Tochter in ihrem Latex-Kostüm – konsequent, ihrem Vater hat sie schliesslich ja auch den Tod gebracht. 

Reinmar Wagner

Bild: Iko Freese / Theater St. Gallen