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Rossinis «Turco in Italia» in Zürich

Erstellt von wagner
Wie viel Spass kann doch eine gute Inszenierung machen! Jan Philip Gloger, deutscher Schauspiel-Regisseur mit mittlerweile zahlreichen Verdiensten in der Oper, hat mit Rossinis burlesker Komödie «Il Turco in Italia» am Opernhaus Zürich eindrücklich sein Können bewiesen. Unglaublich, wie witzig, aber durchaus auch tiefgründig er die Figuren und Szenen in ein heutiges Ambiente zu transportieren vermochte, wie viel Tiefenschärfe er den typischen Komödien-Figuren verleihen konnte und wie detailliert und handwerklich brillant er mit einem schauspielerisch sehr begabten und begeisterungsfähigen Ensemble gearbeitet hat.

Wir sind in einem gesichtslosen Mietshaus in einer italienischen Stadt. Hier lebt Fiorilla ein eher fades Eheleben neben ihrem deutlich älteren Geronio. Nebenan ist ein junger, hübscher Türke eingezogen, der von seiner ehemaligen Verlobten, die er verstossen hat, verzweifelt gesucht wird. Und in der dritten Wohnung dieses Stockwerks wohnt der Medienkünstler und Dokumentarfilmer Prosdocimo in einer Schaffenskrise, aus der er sich mit Inspirationen aus dem realen Leben zu befreien sucht und deswegen die sich abzeichnenden Liebes-Verwirrungen in seinem Mietskasernen-Mikrokosmos nach Kräften anheizt und manipuliert.

Virtuos, mit nie erlahmender Liebe zum Detail erzählt Gloger vom Aufeinandertreffen verschiedener Denkweisen und Gebräuche, die sich bald als gar nicht mehr so fremd erweisen, schildert überaus glaubhaft die emotionalen Turbulenzen, in sich diese Figuren geradezu hineinschrauben und befreit sie damit auf überzeugende Weise vom Dasein als klischierte Komödien-Typen. Am Ende finden sich die «richtigen» Paare und man traut ihnen sogar zu, dass sie alle für sich wirklich etwas für's Leben gelernt haben – ausser Prosdocimo. Der hat sich an eine fremdenfeindliche Rechtsaussen-Partei verkauft und nutzt sein Bildmaterial nun für üble Propaganda-Spots. 

Hand in Hand mit dem souveränen, lustvollen, detailreichen Spiel geht das Singen in diesem überwiegend jungen Ensemble – vor allem in den Rezitativen und Ensembles. Wenn es dann um die artifiziellen und akrobatischen Koloratur-Fähigkeiten geht, die Rossinis Operndrive auch ausmachen, ergeben sich zwar einige Defizite, die aber weder derart gravierend sind, dass man nicht mehr gerne zuhören mag, noch die übrigen, vergleichsweise gut gemeisterten Gesangs-Klippen vergessen machen könnten. Am meisten von der bei Rossini oft geforderten leichten, aber überaus präzisen Beweglichkeit brachte Julie Fuchs als Fiorilla über die Rampe, auch der Tenor Edgardo Rocha in der «kleineren» «Türken-Rolle» als Narciso schmückte sein schönes Timbre mit eleganter Virtuosität, während bei den tieferen Männerstimmen – Nahuel di Pierro als Selim, Renato Girolami als Geronio und Pietro Spagnoli als Prosdocimo die Agilität manchmal ein wenig gehetzt wirkte und die Präzision immer mal wieder eher ungefähr ausfiel. 

Am Pult des Zürcher Opernorchesters stand ein verbriefter Rossini-Spezialist: Enrique Mazzola der «Ritter ds Belcanto» von New York über Berlin, Paris bis Moskau. Bei soviel Expertise in diesem Repertoire war schon ein wenig erstaunlich zu hören, wie wacklig dieser Rossini aus dem Graben klang. Mazzolas Tempo-Dramaturgie wäre an sich überzeugend, aber wenn jedes zweite Bläsersolo auf unsicheren Füssen steht, wenn fast jeder Beginn eines neuen Tempos einen halben Takt braucht, bis alle Geigen gleich ticken, dann wären entweder gezielte Probenarbeit oder Retuschen bei der Wahl der Tempi angesagt. Natürlich ist Rossini nicht einfach zu spielen, aber ein so mittelmässiger Auftritt verträgt sich schlecht mit dem Anspruch der «Philharmonia Zürich», eines der führenden Opernorchesters Europas zu sein. 

Reinmar Wagner

Bild: Hans Jörg Michel / Opernhaus Zürich