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Rossinis «Mosè in Egitto» in Bregenz

Erstellt von wagner
Gott spielen kann frustrierend sein: Das Theaterkollektiv «Hotel Modern» leiht in der Hausproduktion der Bregenzer Festspiele seine Puppen Rossinis Opern-Oratorium «Mosè in Egitto».

Es ist eine der ganz grossen, gewaltigen Szenen des Alten Testaments, vielfach in der Kunstgeschichte präsent: Die Durchquerung durch die von Gott geteilten Wogen des Roten Meers der aus Ägypten fliehenden Israeliten, während das sie verfolgende Heer des Pharaos in den Wassermassen ertränkt wird. Bei den Bregenzer Festspielen dient nicht der Bodensee dafür als Kulisse – das Stück wäre entschieden zuwenig massentauglich für die Seebühne – sondern ein simples kleines Aquarium: Die drei Mitglieder des holländischen Theaterkollektivs «Hotel Modern» – berühmt etwa für ihr Auschwitz-Projekt «Kamp» – lassen darin ihre liebevoll gebastelten Ägypten-Püppchen untergehen und übertragen das Drama per Video auf die bühnenfüllende Grossleinwand. Auch sonst sind sie bei den göttlichen Eingriffen in die Politik des Alten Ägypten omnipräsent, orchestrieren die biblischen Heuschreckenplagen, verfolgen das Liebespaar in sein Höhlenversteck oder lassen den Palast des Pharaos in Flammen aufgehen. Immer mit liebevoll gebastelten und bemalten Püppchen, die kunstvoll bewegt werden können, mit Miniatur-Requisiten, Stadtlandschaften oder Feuerspielen, die in der Übertragung auf die Leinwand durchaus den Eindruck eines Infernos erwecken.

Nicht genug damit, die drei greifen auch ein in die Aktionen der realen Sänger und Darsteller auf der Bühne die von der Regisseurin Lotte de Beer zurückhaltend bewegt und kaum geführt werden, drängen, schubsen, dirigieren die träge, widerspenstige Masse unermüdlich in die passenden Figurenkonstellationen und Szenen-Arrangements: Gott spielen scheint anstrengend und bisweilen frustrierend zu sein. Das funktioniert ganz gut, ist spannend und unterhaltsam – hat aber einen Haken: Diese Figürchen sind einfach zu verspielt und witzig für die enorm ernsten, existenziellen Szenen, die damit vorgespielt werden. Unfreiwillige Komik ist die Folge, und das ist ganz sicher nicht im Sinn des Sujets: Makaber, wenn die drei Theatermacher akribisch an den Blitzen basteln, mit denen Ägyptens Erstgeborene ausgelöscht werden sollen.

Rossini schrieb «Mosè in Egitto» 1818 für Neapel. Während der Fastenzeit waren Opernaufführungen eigentlich verboten. Die Neapolitaner halfen sich damit, dass sie einfach biblische Themen als Opernsujets wählten, und sie mit der obligaten, koloraturgesättigten Liebesgeschichte ausstaffierten. Daran störten sich bloss Reisende aus dem protestantischen Norden wie etwa ein gewisser Herr von Goethe. Vor allem in den Ensembles und Chören gelangen Rossini einige wirklich geniale Nummern, die berühmteste, die «preghiera», das Gebet von Moses und dem Chor, fehlt bei keinem Belcanto-Bass im Repertoire. Geschrieben allerdings wurde sie erst für die zweite Fassung des Stücks für Paris 1827. «Mosè in Egitto» ist eine sehr aussergewöhnliche Partitur von Rossini, die in dieser Bregenzer Hausproduktion (Koproduktion mit Köln, dort ab März 2018) allerdings nicht wirklich ihre besten Seiten zeigen konnte. Zu ungenau, pauschal, dick und plump dirigierte Enrique Mazzola die Wiener Symphoniker. Rossinis Musik braucht knackige Präzision, schlanke Homogenität in allen Registern, rhythmische Prägnanz und eine ausdifferenzierte Tempo-Dramaturgie. Das Gegenteil war hier zu hören: Schnell schon, laut auch, aber ohne jede Souplesse und Spritzigkeit.

Die Sänger bewegten sich im selben Fahrwasser: Zu vokalen Höhepunkten wurden nur die subtil-leisen, innig-warmen Linien des Liebesduetts im zweiten Akt und das ebenso delikate Quartett wenig später. Sobald es in die Höhen ging, sobald Koloratur-Akrobatik und technisch-musikalische Souveränität gefordert war, zitterte man mit allen Protagonisten um Geläufigkeit, Intonation und Treffsicherheit, und konnte sich eher selten über gelungene Sprünge über die sängerischen Klippen freuen. Auch hier: Zu ungenau, zu pauschal, zu ungefähr, zu schnell zufrieden sangen sie alle, und wenn es wie in der Titelpartie keine Koloratur-Akrobatik gibt, waberte der Bass von Goran Juric im intonatorischen Ungefähr. Rossini muss man besser singen, besser spielen – und wenn man ihn mit diesen handwerklich virtuosen Puppenspielern inszeniert, würde sich eine der Buffo-Farcen wohl weit besser eignen.

Reinmar Wagner

Bild: Karl Forster / Bregenzer Festspiele