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«Ring»-Start in Biel

Erstellt von wagner
Das Wagner-Jahr weckt Ambitionen und führt dazu, dass auch Biel-Solothurn, das kleinste unter den Schweizer Theatern, das Wagnis eines kompletten «Rings» eingeht. Zweimal ging zum Auftakt am letzten Wochenende «Rheingold» über die Bühne des Bieler Kongresshauses.

 

Das Bieler Theater ist zu klein für die Orchesterbesetzung, die Wagner in seiner Tetralogie aufbietet, aber das Kongresszentrum, wo das Bieler Sinfonieorchester seine Konzerte veranstaltet, bietet nicht nur dem Orchester genügend Platz, sondern lässt auch 1200 Zuschauer in den Genuss der Aufführungen kommen. Hier erklang am Wochenende zweimal «Rheingold», hier sollen die weiteren «Ring»-Teile in den nächsten Jahren aufgeführt werden.

Den Nachteil einer fehlenden Theaterbühne machte man mit einer halbszenischen Inszenierung und Video-Einspielungen von Sonja Horisberger wett. Sie zeigen in verwaschenen Bildern Ansichten von Biel: Das Kongresshaus zum Walhalla-Motiv und Szenen aus dem praktischerweise angegliederten Schwimmbad zum Es-Dur-Wogen des Rheins. Die Sicht von Magglingen auf die Stadt zum Einzug der Götter, Bagger und Baumaschinen zur Musik der Riesen, und zu den Szenen in Nibelheim, wo die Nibelungen unter Alberichs Diktat schuften müssen, sehen wir Zahnrädchen, Zeiger und Uhrwerke. Und natürlich ist in der Uhrenstadt Biel auch der Ring kein Ring, sondern eine goldene Armbanduhr.

Weitere Requisiten gab es nicht, brauchte es auch nicht. Mit wenigen Gesten machte der Regisseur Andreas Rosar die wichtigsten Elemente der Handlung deutlich. Was wirklich fehlte, waren Übertitel. Denn unter dem Klang des ungefiltert durch einen Orchestergraben spielenden, gross besetzten und unter Hans Urbanek gerne rauschhaft laut spielenden Sinfonieorchesters ging die Textverständlichkeit sehr oft verloren. Und im konfliktreichen «Ring»-Entstehungsmythos zwischen Göttern, Alben, Rheintöchtern und Riesen wäre Verständnis wichtig, weil auch Wagner seine musikalischen Leitmotive eng mit der Erzählung und den Gedanken der Protagonisten verzahnt hat.

Urbaneks Wagner-Klangbild war auf angenehme Weise solid und traditionell, insgesamt eher breit im Klang und in den Tempi, und etwas laut ausser der Handvoll wuchtigen Klangballungen, die Wagner dem Orchester erlaubt, und die wirkungsmächtig im Kongresshaus erschallten. Das Sinfonie Orchester Biel Solothurn zeigte sich sehr engagiert und in allen Registern auf der Höhe seiner Aufgaben.

Urbanek ist kein Unbekannter in Biel, im Gegenteil: Zwischen 2002 und 2005 war er Chefdirigent hier. Auch sonst steht dieser «Ring» im Zeichen der Rückkehrer: Solisten, die auf den Bühnen von Biel und Solothurn erste Opernerfahrungen machten, kehren in tragenden Partien zurück: Vitalij Kowaljow sang mit solidem, profundem Bariton den Wotan, Tanja Ariane Baumgartner nicht minder komplett die Fricka und Marion Ammann zeigte in den wenigen Zeilen, die Freia zu singen hat, das Potenzial ihrer Ausdrucksfähigkeit.

Im «Rheingold» standen vorerst andere stärker im Mittelpunkt. Vor allem überzeugte Arnold Bezuyen als Loge mit intonationssicherem, strahlkräftigem Tenor ohne die geringsten Ermüdungserscheinungen, ja bisweilen sogar mit beachtlichen stimmlichen Reserven. Beeindruckend ausdrucksstark sang auch Jo Pohlheim den Alberich, während die ganze Bieler Besetzung bis hin zu den Rheintöchtern für eine erfreulich ausgeglichene Ensembleleistung sorgen konnte.

Reinmar Wagner

Foto: Sabine Burger