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«Rigoletto» bei den Bregenzer Festspielen

Erstellt von wagner
Send in the Clowns: Ein Monsterclown dominiert die Inszenierung auf dem Bodensee. Die Bregenzer Festspiele bieten eine spektakuläre Bühnenshow mit Verdis «Rigoletto».

Wenn eine Show nicht richtig läuft, dann versuch's mit Witz und Klamauk. Das sagt der Stephen Sondheim-Song «Send in the Clowns». Verdis Drama um den Hofnarren Rigoletto, seine Tochter Gilda und den Herzog von Mantua hat das zwar eher nicht nötig, die Vorlage von Victor Hugo ist dramaturgisch stringent, und Verdi steht in der Blüte seines künstlerischen Schaffens. Er reiht suggestive Arien aneinander – nicht nur den Hit «La Donna è mobile – und sorgt in der eindrücklichen Sturm-Szene musikalisch grandios für unheimliche Atmosphäre. Und auch der Regisseur dieses Spektakels, Philipp Stölzl, hat es sich nicht etwa einfach gemacht nach dieser Devise, im Gegenteil, seine Inszenierung für die Bregenzer Seebühne ist ein bis in die kleinsten Details ausgefeiltes Spektakel, in dem vordergründig erstens die Bühnentechnik und zweitens die Welt des Zirkus den Ton angeben, die aber weiter gedacht ist und es durchaus schafft, immer wieder zwischendurch stimmungsvolle Bilder zu kreieren für die emotionalen Nöte der drei Protagonisten. 

Aber nur zwischendurch. So stechen zuerst einmal die quirligen Akrobatik-Truppen ins Auge, die sich schnell über der ganzen Bühne bis hinauf in die Höhen des Clown-Kopfs tummeln. Immer mal wieder landet einer von ihnen im Wasser des Bodensees, was sie kein bisschen von ihrem munteren Treiben abhält. Daneben verblassen szenisch die Hauptfiguren ein wenig, aber das lässt sich in solch gigantischen Produktionen jeweils nur schwer vermeiden. Stölzl versucht zwar, die Atmosphäre der intimeren Szenen vor allem mit Licht zu retten, aber hauptsächlich im Weg steht ihm dabei die von ihm selbst geschaffene Kunstfigur des gigantischen Clowns, die sich permanent in Bewegung befindet: Ihre Hand mit den einzeln beweglichen Fingern schafft spielend den Stinkefinger oder ballt sich zur Faust und scheint dabei Menschen zu zerdrücken, gibt sie in anderen Momenten wieder frei, ebenso wie der Kiefer, der sich aufklappen lässt und – ganz passend – zum Terrain des Frauen-verzehrenden Herzogs mutiert. Der gigantische Kopf selbst lässt sich mit Hilfe von Maschinen in alle Richtungen bewegen, die Augenlider klappern, die Augen selbst leuchten manchmal in unheimlichem Gelb. Dieser Clown ist weniger lustig als furchterregend, wenn er wie ein überdimensionaler Beobachter oder gar Strippenzieher das Treiben der kleinen Menschlein um ihn herum verfolgt und sich mit grausamer Freude zu amüsieren scheint über ihre emotionalen Nöte und Verzweiflungen in diesem für Gilda tödlich und für Rigoletto zerstörerisch endenden Drama.

Trotz so viel Technik-Brimborium kam die Musik doch zu ihrem Recht: Der Dirigent Enrique Mazzola drängte sich persönlich nicht in den Vordergrund, sondern stellte ganz in den Dienst von Verdis Partitur, sorgte für lebhaften Drive und eine sichere Basis für die Sänger und die Chöre. Gesungen wurde hervorragend, jedenfalls von der Premierenbesetzung, die bis in die kleineren Rollen wie Monterone (Kostas Smoriginas) oder Maddalena (Katrin Wundsam) sehr gut ausgewählt war. Vom Protagonisten-Trio vermochten alle drei restlos zu überzeugen, Stephen Costello als tenoral strahlender Herzog ebenso wie Vladimir Stoyanov in der Titelrolle mit enormer stimmlicher Vielseitigkeit und einer grossen Klangfarbenpalette. Zur Lichtgestalt wurde Mélissa Petit als Gilda, die nicht nur stimmlich in ihren zarten Koloraturen schwindel-erregende Höhen erklimmen musste, sondern auch in ihrer grossen Szene im Fesselballon hoch oben über der Bühne sang und dabei kein bisschen unsicher wirkte. Dank der Verstärkung brauchte niemand in irgendeiner Weise zu forcieren, so kamen auch die Stimmfarben und die sprachlichen Feinzeichnungen zu ihrem Recht. Ein bisschen Arbeit wartet noch auf die Tontechniker: Die Nuancierungen der Abmischungen wirkten noch nicht in jedem Moment restlos ausgefeilt. Bis zur letzten Vorstellung am 18. August wird sich das bestimmt eingependelt haben. 

Reinmar Wagner

Bild: Anja Koehler / Bregenzer Festspiele