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Richard Wagners «Tristan und Isolde» in Bern

Erstellt von wagner
Niederlage gegen den Sog von Wagners Musik: Ludger Engels wollte mehr als bloss einen «Tristan» inszenieren. Sobald er sich gegen Wagner wandte, verlor seine Inszenierung aber deutlich.

Kann man «Tristan und Isolde» im nüchternen Ambiente einer schmucklosen Passagierfähre beginnen? Geht problemlos. Kann man die grosse Liebesszene des zweiten Aufzugs auf dem Sofa einer Zweizimmerwohnung spielen? Sicher, und Ludger Engels zeigt in seiner sorgfältig in vielen Details der Beziehungs- und Konfliktmuster ausgearbeiteten Inszenierung immer wieder subtil auf, mit welchen Emotionen, Absichten oder Hintergedanken die Personen aufeinander treffen. Muss man ein Stück wie «Tristan und Isolde» aufladen mit Richard Wagners Frauenbild und die Lieben seines Lebens Minna, Mathilde und Cosima mit inszenieren? Und ihn selbst als omnipräsenten Schöpfer und Antreiber des Geschehens? Muss man nicht, das Stück ist sicher stark genug in sich selbst. Aber es könnte interessant sein. 

Ist es aber nicht in Bern. Engels gewinnt nichts aus seinem Kunstgriff: Die Damen schlurfen bedeutungsschwanger aber sinnlos über die Bühne und ein hippeliger «Künstler» greift den Figuren immer wieder unter die Arme, labert sogar ins Vorspiel hinein und scheint am Ende doch alle Wirkungsmacht verloren zu haben: Während Isoldes «Liebestod» verfolgt das gesamte Personal auf der Bühne seine eigene Agenda: die einen räumen auf, andere schmieren mit gelber Farbe herum, wieder andere spielen mit den Spielzeug-Bergwelten, in denen Tristans bretonische Burg angesiedelt wurde. Wenn man sich anlegt mit Wagners Musik, dann braucht man schon sehr starke Argumente, um gegen ihren Sog bestehen zu können. Die hatte Engels nicht, und so gewann Catherine Foster «mild und leise» und mühelos gegen die zunehmende Entropie auf der Bühne. 

Aber die Haben-Seite in Engels Regie-Buchhaltung umfasst nicht nur eine genaue Personenführung, es gelangen ihm und dem Ausstattungsteam (Volker Thiele und Heide Kastler) auch poetisch-schöne Bilder. Vor allem die Glitzerkostüme, die das Liebespaar in der Liebesszene trägt, bilden zusammen mit den Spiegelwänden und Lichtspielereien eine anmutige Chiffre für die totale Entrücktheit von allem Realen, in die sich diese beiden Liebenden hinein träumen. 

Und sie taten es auch sängerisch überaus beeindruckend: Catherine Foster, Die Bayreuther Brünnhilde der vergangenen Jahre, gestaltete ihre Isolde vielseitig, mit grosser Strahlkraft einerseits, aber auch mit verletzlichen und verschatteten Facetten. Und Daniel Frank – der schon als Lohengrin und Tannhäuser in Bern überzeugt hatte – konnte eine vergleichbare stimmliche Vielseitigkeit und gestalterische Souveränität ins Feld führen. Imposant die tiefen Stimmen, Robin Adams als Kurwenal und Kai Wegner als König Marke, während Claude Eichenberger ein ums andere Mal aufhorchen liess mit ihrer geschmeidigen, präsenten, eindrücklich gestalteten Brangäne.

Mit diesem «Tristan» verabschiedet sich Kevin John Edusei als Chefdirigent aus Bern. Ein Verlust, zweifellos, der deutsche Dirigent hat in den vergangenen Jahren in ganz unterschiedlichem Repertoire von Mozart bis Britten für Aufhorchen gesorgt. Auch in seinem Tristan hat Edusei viele Details der Instrumentierung sorgfältig heraus gearbeitet, oft harmonische und kontrapunktische Verläufe sehr suggestiv verdeutlicht, gerade im Streichersatz viel Aufmerksamkeit auf die Mittelstimmen verwendet. Auch die agogische Beweglichkeit ist hoch, oft verlieh Edusei Wagners Musik unüblich viel Zug, was ihr gut bekommt. Auch in der Dynamik erwies sich sein Wagner als vielseitig, hin und wieder allerdings unnötig laut, nicht wegen der Sänger, die wussten sich allesamt mühelos zu behaupten. Aber Wagners Klangbild verlangt nicht ständig nach dem vollen Spektrum der Instrumentalfarben, etwas Zurückhaltung kann oft reizvoller sein. 

Reinmar Wagner

Bild: Christian Kleiner / KonzertTheaterBern