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Riccardo Chaillys Debüt mit Mahler 8 in Luzern

Erstellt von wagner
Neues Klang-Ideal in Luzern. Riccardo Chailly debütierte als Dirigent des Lucerne Festival Orchestra. Als Hommage an Abbado wählte er Mahlers Achte Sinfonie für sein Antrittskonzert. Und demonstrierte italienische Klangvorlieben: Viel Melodie, viel Power, viel Lautstärke.

Die Interpretationen von Mahlers Sinfonien unter der Leitung von Claudio Abbado haben wesentlich zum legendären Ruf seiner Luzerner Konzerte mit dem von ihm zusammen gestellten Lucerne Festival Orchestra beigetragen. Es entstand fast der ganze Zyklus von Mahlers sinfonischem Oeuvre, nur vor der Achten (und dem «Lied von der Erde») ist Abbado zurück geschreckt. Einmal hatte er diese «Sinfonie der Tausend» sogar angekündigt, aber ersetzte sie dann doch ein paar Monate vor Festival-Beginn durch ein anderes Programm. Dem mit dem Alter immer sensibler und feinfühliger gewordenen Maestro widerstrebten offensichtlich die Massierungen des Klangs, der affirmative Gestus des Pfingsthymnus «Veni creator spiritus» oder die ekstatisch-hymnische Verzückung, mit der Mahler Goethes Schluss-Szene aus «Faust II» vertonte.

 

Dass Chailly die Achte zum Antritt als Nachfolger Abbados auf der Chefposition des Festivalorchesters in Luzern nun wagte, ist konsequent und eine schöne Hommage. Seine Erfahrungen mit dem Oeuvre Mahlers sind gross, zudem kann er auf die Mahler-Kompetenz des Orchesters bauen. Dennoch ist es ein anderes Musizieren unter Chailly, obwohl auf vielen Positionen die gleichen Musiker sitzen wie zu Abbados Zeiten: Reinhold Friedrich zum Beispiel, die strahlende Trompete, der Konzertmeister Gregory Ahss, Raphael und Wolfram Christ als Stimmführer der zweiten Geigen und Bratschen, Jens Peter Maintz an der Spitze der Celli, die Flöte von Jacques Zoon, die Oboe von Lucas Macias Navarro, auch vom Mahler Chamber Orchstra sind viele Streicher nach wie vor dabei. Chailly hat die Solostreicher von seinem Scala-Orchester mitgebracht und ansonsten nur wenige Positionen umbesetzt. Und doch klingt dieses Orchester deutlich anders als unter Abbado: Mehr Betonung melodischer Abläufe, mehr Freude am Auskosten solistischer Linien, weniger Transparenz und kammermusikalische Sensibilität und vor allem auch weniger Misstrauen der grossen Geste gegenüber, weniger Intensität, die aus den Piano- und Pianissimo-Regionen heraus geformt wird. Das Problem dabei ist nicht die reine Lautstärke an sich, Mahler darf, ja muss manchmal laut sein, das war er auch bei Abbado. Aber die durchschnittliche Lautstärke ist bei Chailly sehr deutlich höher, manche gross besetzte Stellen klangen unter seinen Händen zu früh und zu lange zu massiert.

 

Und potenziert wurde dieses Klang-Ideal weniger bei den ausgezeichneten, homogen und intonationssicher singenden Chören (Chor des Bayerischen Rundfunks, Lettischer Radio-Chor, Orfeón Donostiarra, Tölzer Knabenchor) als bei den acht Gesangssolisten. Auch da, wo es die Orchesterbegleitung gar nicht erfordert hätte, sangen sie fast alle fast ständig mit voller Stimme, und wurden von Chailly darin noch angefeuert. Die Stimmen dazu hatten sie zwar alle, etwa der Tenor Andreas Schager, der inbrünstig mit «Blicke auf» die finale Verklärung einleitete, ebenso wie der Bariton Samuel Youn als «Pater profundus», nur bei der Sopranistin Ricarda Merbeth kam zum Dauer-Fortissimo auch noch ein wenig ansprechendes, waberndes Vibrato. Sängerische Glanzlichter waren unter solchen Kraftmeiereien dünn gesät, etwa die «Mater gloriosa» von Juliane Banse oder die tieferen Frauenstimmen Sara Mingardo und Mihoko Fujimura sorgten dafür.

 

Dem Generalthema des Festivals «Primadonna» gemäss hielt eine Frau die Eröffnungsrede. Die kanadische Sopranistin und Dirigentin Barbara Hannigan erzählte sehr persönlich von ihrem musikalischen Werdegang und davon, wie man beim Musizieren gemeinsam Atem, Puls und Absicht ins Gleichgewicht bringt. Und der Bundespräsident Johann Schneider-Ammann monierte in seiner Grussbotschaft das «Konkurrenzverbot», das Gustav Mahler seiner ebenfalls komponierenden Gattin Alma auferlegt hatte. Nur Konkurrenz führe zur Erhöhung des allgemeinen Wohlstands, und als Korrektiv für deren Verlierer sei die Sozialpartnerschaft, wie sie die Schweiz kennt, ein erfolgreiches Modell.

 

Reinmar Wagner

 

Bild: Brescia e Amisano / Teatro alla Scala