Syndicate content


Riccardo Chailly dirigiert das Eröffnungskonzert des Lucerne Festivals

Erstellt von wagner
Alles Strauss, aber nicht alles Walzer: Riccardo Chailly an der Spitze des Lucerne Festival Orchestra widmete das Eröffnungskonzert des Lucerne Festivals ganz dem Werk von Richard Strauss. Bis am 10. September gastieren die weltbesten Orchester mit ihren Chefdirigenten und renommierten Solisten beim wichtigsten Schweizer Klassik-Festival.

Es ist einer der schönsten Sonnenaufgänge in der Musikgeschichte, der Beginn der Tondichtung «Also sprach Zarathustra». Spätestens seit dem Kubrick-Film «2001 – Odyssee im Weltall» kennt die ganze Welt diese aufsteigende Quint-Quart-Folge mit dem Moll-Dur-Terz-Doppelschlag, und er verfehlte auch am Freitag seine Wirkung nicht. Riccardo Chailly, Nachfolger Claudio Abbados an der Spitze des Luzerner Festival-Orchesters, zelebrierte ihn nicht besonders, wie er auch das ganze Konzert hindurch die sinfonischen Dichtungen von Richard Strauss (neben «Zarathustra» erklangen «Tod und Verklärung», «Till Eulenspiegel» und als Zugabe Salomes «Schleiertanz») mit handwerklicher Souveränität in Klang umsetzte, ohne sich jedoch mit interpretatorischen Originalitäten selbst zu inszenieren – der Instrumentierungskünstler und Orchesterzauberer Strauss kann darauf verzichten, seine Partituren sprechen für sich.

Zumal, wenn so bestechend musiziert wird wie an diesem Abend: Strauss bietet sämtlichen Registern des Orchesters mannigfaltige Möglichkeiten solistische Brillanz, Virtuosität und klangliche Raffinesse auszuspielen. Das Festivalorchester ist auch diesen Sommer in bestechender Form. Schön dass Chailly und die Luzerner Intendanz das von Abbado begründete und jahrelang geprägte Festivalorchester zusammen halten konnten: Noch immer glänzt die Trompete von Reinhold Friedrich, Jacques Zoon bezaubert mit seinem Flötenklang, Macias Navarro an der Oboe, Ivo Gass am Horn. Die Streicher gruppiert um das Mahler Chamber Orchestra werden von den Konzertmeistern Gregory Ahss und Raphael Christ geleitet, Wolfram Christ führt die Bratschen an, Jens Peter Maintz die Celli.

Mit bestechender Wirkung: Virtuose Streicherstaffetten und ein kompakter, dichter Streicherklang füllten das KKL. Die Blechbläserchöre waren von glasklarer Reinheit, mit solistischer Brillanz agierten die Holzbläser, besonders quirlig im «Till Eulenspiegel». Im Gegensatz zu Abbado, der allem Lauten und Lärmigen zunehmend misstrauisch gegenüber stand, und oft ätherisch-subtile Interpretationen bevorzugte, überlässt Chailly seinen Spitzenmusikern in der Dynamik viele Freiheiten. Natürlich liessen sie sich nicht zweimal bitten, die Spielfreude war ihnen stets anzumerken, das Klangbild allerdings wurde dadurch des öfteren recht dicht und die Lautstärke erreichte immer wieder über längere Passagen hohe Pegel. Aber Chailly baute etwa in «Tod und Verklärung» auch weit gespannte Crescendo-Bögen, die dem Werk gut anstehen.

Bundesrat Alain Berset hatte als Schweizer Kulturminister davor engagiert und eloquent das Festival-Thema «Identität» in einer Art verspäteter Erst-Augustrede auf die Schweiz bezogen und dabei Beweglichkeit, ständige Erneuerung und Zukunftsvertrauen als Triebfedern der Schweizerischen Identität beschworen. Iso Camartin seinerseits bezog sich nicht minder eloquent philologisch und philosophisch auf die verschiedenen Wesenheiten von Identität, die sich eben auch in Narzissmus und Egomanie oder Selbstaufgabe und Mitläufertum manifestieren können

Nach den Demonstranten, die in Kleidern dem zwar nicht gerade kalten, aber auch nicht badelächelnden See entstiegen, um gegen die 800'000 Franken-Kürzung im kantonalen Luzern Kulturbudget zu protestieren, aber noch vor präsidialen, bundesrätlichen und intellektuellen Eröffnungsbotschaften stellten sich die beiden «Artistes Etoiles» des Festivals vor: Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja und der Cellist Ray Campbell zeigten sich in Ausschnitten aus dem Duett von Zoltan Kodály virtuos und klanglich äussert vielseitig. Sie werden in den nächsten Wochen weitere Facetten ihrer Kunst präsentieren: Die in Bern lebende moldawische Geigerin spielt unter anderem wichtige Violinkonzerte des 20. Jahrhunderts von Bartók, Ligeti und Heinz Holliger und bringt in ihrem inszenierten Programm «Dies irae» engagiert auch weltanschauliche Themen zur Sprache. Der amerikanische Cellist bringt unter anderem die Uraufführung eines Cellokonzerts von Luca Francesconi mit nach Luzern und spielt auch sonst sehr viel zeitgenössische Musik in den verschiedenen Formaten des Festivals.

Reinmar Wagner

Bild: Peter Fischli / Lucerne Festival

Lucerne Festival: bis 10. September, www.lucernefestival.ch