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Rares Repertoire beim Lucerne Festival

Erstellt von wagner
Sol Gabetta ist Artiste Etoile diesen Sommer in Luzern. Und sie brachte bei einem ihrer vielen Auftritte ein Cellokonzert von Bohuslav Martinu mit, das man noch kaum kennt. Und auch die Berliner Philharmoniker brillierten unter ihrem baldigen Chefdirigenten Kirill Petrenko mit sinfonischen Raritäten.

«Zum ersten Mal beim Lucerne Festival» heisst es diesen Sommer gleich des öfteren in den Programmheften des Lucerne Festivals. Das will etwas heissen bei einer mittlerweile 80jährigen Festival-Geschichte. Ein bisschen erstaunlich ist es aber doch, dass ein derart fulminantes, ganz auf das Solo-Instrument zugeschnittenes Konzert wie das erste Cellokonzert von Bohuslav Martinu hier noch nie erklungen war. Ein Konzert, das alles bietet, was sich ein versierter Cellist nur wünschen kann: hoch virtuose Akrobatik und anspruchsvolle Solokadenzen, wunderschöne, weit gespannte Kantilenen, die Tonschönheit, Vibrato-Varianten und Klangfarben-Schattierungen verlangen. Sol Gabetta, Artiste Etoile diesen Sommer beim Lucerne Festival ist es zu verdanken, dass dieses 1930 entstandene und im Orchesterpart mehrfach umgearbeitete Konzert die Bühne erhielt, die es verdient – und von ihr auch gleich eine Interpretation, die in jeder Beziehung Gültigkeit beanspruchen darf.

Zum ersten Mal erklang auch die Orchesterfassung der «Jeux d'enfant» von Georges Bizet, witzig orchestrierte Fassungen der kurzen Klavierstücken, passend zum Luzerner Festivalthema «Kindheit». Sauber, engagiert und mit viel Raffinesse spielten die Musiker des Mahler Chamber Orchestra unter François-Xavier Roth. Auch Haydns Sinfonie «La Poule» nahmen sie sehr spielfreudig und burschikos in Angriff, technisch tadellos, ebenso beschwingt und mit viel Lust an den dynamischen Kontrasten und dem Ausfeilen von Haydns vielen originellen Einfällen. Etwas weniger überzeugend agierten die Streicher zu Beginn in Bartoks Divertimento, einem der schwierigsten Stücke für Streichorchester und in jedem Moment mit Bedeutung aufgeladen, die oft unermüdliche Attacke und nie nachlassende Aufmerksamkeit verlangt.

«Zum ersten Mal in Luzern» hiess es auch bei den Berliner Philharmonikern. Nicht das Orchester natürlich, aber unter der Leitung seines Noch-Nicht-Chefdirigenten Kirill Petrenko (ab Sommer 2019 ist der sibirische Dirigent dann im Amt) erlebte es die KKL-Premiere. Mit einer Sinfonie, die beim Lucerne Festival noch nie erklungen war, der Vierten von Franz Schmidt (überhaupt das erste seiner Werke in der Festivalgeschichte). Ein gross angelegtes Trauer-Gemälde von 1933 in dem der Österreicher den Tod seiner Tochter Emma verarbeitet. Ein Werk in der Nachfolge Bruckners in einer dichten, beziehungsreichen, symmetrischen Form und ganz im Geiste spätromantischer Ästhetik. Darin kommen die hohen Qualitäten des Berliner Orchesters – Kompaktheit im Klang, Genauigkeit und Homogenität in Phrasierung, Artikulation und Dynamik – prächtig zur Geltung. Petrenko versteht es darüber hinaus bestens, die Spannungslinien suggestiv auszuformen, was dieser Musik neben ihren klangfarblichen Reizen und zahlreichen dankbaren Solo-Stellen sehr gut bekommt.

Weniger bezwingend geriet davor das dritte Klavierkonzert von Prokofjew mit Yuja Wang als Solistin. Eigentlich ein ungeniert perkussives, bisweilen auch ziemlich verspieltes Konzert, das deutlich lockerer, neckischer klingen könnte, als es Wang und Petrenko anlegten. Der einstige Bürgerschreck ist in diesem Konzert von 1921 längst nicht mehr von so kompromissloser Lust am Provozieren angestachelt, sondern zeigt eindrücklich, dass er auch lyrische Kantilenen und verkappte Tänze mit leichter Hand zustande bringt und dem Solisten damit eine breite Palette an Ausdrucksnuancen bereitstellt, von denen Yuja Wang durchaus mehr hätte präsentieren können.

Und gleich eine weitere sinfonische Rarität bot dieses Programm der Berliner, die Ballettmusik «La Péri» von Paul Dukas, eine differenzierte Klangfarbenstudie mit orientalischen Einschlägen, die bei den Berlinern ebenfalls bestens aufgehoben war. Nicht «zum ersten Mal in Luzern» allerdings, das Stück war 1959 schon einmal aufgeführt worden, von einem Dirigenten dem die französischen Orchestrierungskunst ganz besonders am Herzen lag: Ernest Ansermet.

Reinmar Wagner