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Rachmaninow zur Eröffnung des Lucerne Festivals

Erstellt von wagner
Mit einem reinen Rachmaninow-Programm eröffnete Riccardo Chailly am Freitag das diesjährige Lucerne Festival. Denis Matsuev war der Solist im berühmten dritten Klavierkonzert. Chailly an der Spitze des Festivalorchesters leitete danach die dritte Sinfonie, die ganz in der Nähe komponiert worden war.

Es ist ein Monument unter den Klavierkonzerten, das dritte von Rachmaninow. Nicht erst seit der etwas fragwürdigen Story um David Helfgott, der diesem Konzert halb wahnsinnig, halb genial begegnete, gilt es als die Knacknuss unter den Klavierkonzerten, obwohl die wirklich stupenden Virtuosen unter den Pianisten wie etwa Marc-André Hamelin mit sehr guten Argumenten belegen können, dass andere Konzerte noch weit kniffliger zu spielen sind. Aber die Legende lebt, «Rach3» gilt als Pièce de Résistence und als Prüfstein für jeden Pianisten. Um Denis Matsuev allerdings musste man nicht wirklich fürchten, der 1975 im sibirischen Irkutsk geborene Pianist hat wiederholt bewiesen, dass er nicht so schnell vor vollgriffigen Akkordkaskaden und ultraschnellen Läufen quer über alle Tasten zurück schrecken würde. 

Vielmehr haftete ihm der Ruf an, ein etwas brachialer Tastendonnerer zu sein, der mit dem pianistischen Zweihänder eher als mit subtilen Klaviergirlanden sein Publium einzunehmen suchte. So gesehen, war es sehr überraschend, in diesem Konzert einen Denis Matsuev zu erleben, der zwar nichts verschenkte von den brillanten Möglichkeiten und Extrovertiertheiten, die ihm dieses natürlich auf Rachmaninows eigene Fähigkeiten zugeschnittene Konzert bietet. Der sich aber überraschend konsequent zurück nehmen konnte, der immer wieder unerwartet Transparenz im Gewebe der spätromantisch dichten Harmonien suchte und mit rhythmischer Klarheit und dezidierten Akzenten deutlicher als üblich die Strukturen heraus arbeitete, die sonst oft im Gewühl effektvoll aufgeladener zehnfingriger Virtuosen-Akrobatik untergehen. Und wie subtil er zu spielen in der Lage ist, zeigte er in der wunderschön ausgespielten Zugabe, Rachmaninows Etude-Tableaux in a-Moll op. 39/2, der er fast schon Debussy-mässige Farben zu geben imstande war. 

Es mag auch an Riccardo Chailly gelegen haben, dass dieser Denis Matsuev wie ein umgekehrter Handschuh zu spielen schien. Chailly hat mittlerweile seine eigenen Klangfarben mit dem Luzerner Festivalorchester entwickelt. Obwohl an entscheidenen Positionen – Soloflöte: Jacques Zoon, Solotrompete: Reinhod Friedrich und vielen anderen – noch immer die Musiker aus Abbados legendären Zeiten spielen, ist die Ästhetik deutlich verschieden geworden. Noch immer herrscht viel Klarheit und Transparenz, noch immer setzen die handverlesenen Solobläser viel sprechende, aber nicht vorlaute Akzente, aber insgesamt prägt ein anderer Ton diesen Orchesterklang, der vor allem in den Streichern auch das Süsse, bisweilen Üppige und bei aller Eleganz durchaus geniesserisch-Süffige nicht negiert. 

Paradigmatisch zu hören war das in der Orchesterfassung der berühmten «Vocalise», aber auch die dritte Sinfonie, die Rachmaninow 1935 nur ein paar Kilometer von Luzern über den Vierwaldstättersee in seiner Villa in Hertenstein bei Weggis komponierte, lebte stark von diesem klanglichen Handschrift Chaillys, der bei aller Freude an klanglicher Delikatesse aber die Rubato-Tendenzen im Zaum hielt und stets auf rhythmischer Klarheit und bei aller vielschichtigen Klangfarbenmalerei auf Transparenz bestand. 

Reinmar Wagner

Bild: Peter Fischli / Lucerne Festival