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Puccinis «Tosca» in St. Gallen

Erstellt von wagner
Am Theater St. Gallen hatte am Samstag Puccinis beliebte dramatische Oper «Tosca» Premiere, in einer Regie, die etwas unschlüssig zwischen Realismus und Symbolismus schwankte. Musikalisch prägte unter Michael Balkes Leitung «Italianità» Puccinis üppig blühende Partitur.

 

Er ist kein Maler, der Cavaradossi in der Inszenierung von Alexander Nerlich, sondern ein Bildhauer. Er arbeitet an der Skulptur einer Betenden, die sich tief zur Erde niederkniet – und damit nicht nur Demut ausdrückt, sondern in dieser Pose auch einen kräftigen Schuss Erotik erhält. So aufreizend, dass Scarpia sich das Kunstwerk gleich in seinen Palast schaffen lässt. Er ist hier als Opportunist gezeichnet, als Emporkömmling, kein strategisch denkender Bösewicht, sondern ein Usurpator, der die Momente seiner Macht auskostet und sich im Stil eines Warlords nimmt, was er kriegen kann.

Tosca will er auch, und Nerlich zeichnet dieses Begehren sehr anschaulich. Zudem spielt es der mexikanische Bariton Alfred Daza auch gekonnt aus, was man von der Tosca von Katia Pellegrino nicht in gleichem Mass behaupten kann. Aber dann durchbricht Nerlich seinen Theaterrealismus: «Vissì d’arte», Toscas grosse Arie, ist ein surreal entrückter zeitloser Moment. Und das Toten-Bett für Scarpia arrangiert nicht Tosca, sondern eine Frauenfigur, die ferne an sie erinnert, sich aber dann im dritten Akt als die Stimme des Hirten entpuppt. Und da hat plötzlich die betende Skulptur Engelsflügel erhalten...

So geht es mit manchen Elementen in dieser Inszenierung: Um der Symbolkraft der Bilder willen durchbricht Nerlich sein stringentes Erzählen. Nicht alles jedoch erhält dieselbe Schlüssigkeit, recht oft bleiben die Absichten der Regie einigermassen schwammig: Die turbulenten Chorszenen am Ende des ersten Akts wirken wirr, warum die Soldaten des Erschiessungskomitees wie zweitklassige Zombies über die Bühne schlurfen, bleibt fraglich und weckt unfreiwillige Komik. 

In der Premiere vom Samstag sang die italienische Hälfte der Doppelbesetzung, und damit ist nicht bloss die Herkunft der Solisten gemeint, sondern auch die Art, wie sie Puccinis grosse Linien mit viel vokaler Kraft, exzessiver Gestik, Schluchzern und Portamenti aufgeladen haben. Zu Puccini passt das, wie kaum zu einem anderen Komponisten, und wenn man über eine so beneidenswert intakte, ziemlich helle und strahlkräftige Tenorstimme verfügt wie Stefano La Colla, dann kann man die Lust nachvollziehen, Cavaradossis weit gespannte Linien bis zum Exzess auszukosten. Manches dabei wirkt unorganisch und aufgesetzt, erfüllt aber auch gewisse Operntraditionen. Für Pellegrinos Tosca gilt dasselbe, nur dass ihr Timbre etwas weniger rund klingt und die Stimme in gewissen höheren Lagen zu einer wenig schmeichelnden Härte tendiert.

Alfredo Daza als Scarpia konnte rein stimmlich nicht ganz mit seinen beiden Kollegen mithalten, suchte dafür die Finessen des Ausdrucks, die er schauspielerisch auszudrücken wusste, auch mit sängerischen Mitteln zu unterstreichen. Das Sinfonieorchester St. Gallen gehört zu jenen Klangkörpern, die auch in der Oper immer wieder technisch solide, klanglich abgerundete und stilistisch versierte Orchesterleistungen erbringen. Dies war auch in dieser «Tosca», der Fall, die vom deutschen Dirigenten Michael Balke geleitet wurde, der dabei Zuverlässigkeit und Wachheit bewies, und sowohl dynamisch wie rhythmisch eine durchdachte und souveräne Vorstellung leitete.

Reinmar Wagner

Bild: Toni Suter / Theater St. Gallen