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Puccinis «Madama Butterfly» in der Arena von Avenches

Erstellt von wagner
Avenches spielt Puccini diesen Sommer, die Arena – «piccola Verona» – stellt «Madama Butterfly» auf die Bühne. Vor allem sängerisch überzeugte die Produktion unter der Leitung von Nir Kabaretti und inszeniert vom Intendanten Eric Vigié.

Sie ist keine wirkliche «Arena-Oper», Puccinis rührselige «Madama Butterfly», das Beziehungsdrama zwischen zwei völlig fremden Kulturen mit kolonialem Hintergrund. Grosse, prächtige Massenszenen gibt es kaum, die Chöre spielen nur eine Nebenrolle, das Lokalkolorit mit japanischer Folklore gibt nur wenigen Szenen Farbe, und die hat der Regisseur Eric Vigié, der Intendant in Avenches, auch in den bekannten, eher angestaubten klischierten Bildern und Chiffren auf seine Bühne gebracht. Und noch schlimmer für die Arena: Die Personenkonstellation ist so eindimensional, die Sympathien sind so eindeutig verteilt, Puccini und seine Librettisten Giacosa und Illica haben sämtliche männlichen Figuren derart schwach, fragwürdig und sogar feige gezeichnet, dass im Handlungsverlauf kaum Spannung aus der Entwicklung solcher Konstellationen gewonnen werden könnte. Das bedeutet am Ende vor allem eines: Eine «Madama Butterfly» steht und fällt mit der Darstellerin der Titelfigur.

Und da hat Avenches den Joker gezogen: die koreanische Sopranistin Sae Kyung Rim kann einfah alles, was die Rolle verlangt. Sie verfügt über eine unglaublich fokussierte Stimme, die selbst in zarten Piano-Passagen mühelos durch die Arena trägt, sie trifft in all den unterschiedlichen Lebenslagen und extremen Wechselbädern der Gefühle jeden Ton exakt in den passenden technischen Prämissen wie in den emotionalen Schattierungen, sie gewinnt Profil durch die Strahlkraft ihrer Stimme wie durch die Präsenz ihrer Erscheinung, selbst in der weitgehend statisch gehaltenen Bewegungsregie von Vigié haucht sie ihrer Figur so viel emotionales Leben ein, dass man nicht unberührt sein kann vom Schicksal dieser Frau, der man einen luftigen Abenteurer als die Liebe ihres Lebens verkauft, und dann auch noch ihr Kind, ihren letzten Lebensinhalt auf perfide Weise wegnimmt. Ein wenig getrübt wurde dieser Sopran-Drahtseilakt allerdings durch ein paar stimmliche Alarmzeichen: Wenn in ungefährdeten Lagen die Stimme auch nur kurz ihren Dienst versagt, ist Feuer im Dach und eine schöne Weltkarriere könnte abrupt enden.

Es ist nicht so, dass die szenisch schwächer behandelten Figuren auch schwächer gesungen hätten: Carlo Ventre als amerikanischer Kreuzritter hat von Puccini sogar die schöneren Kantilenen und schmelzenderen Melodien erhalten, und liess sich nicht zweimal bitten in grosser italiensicher Manier seine intakte Stimme strahlen zu lassen. Und auch der Bariton Davide Damiani vermochte trotz einiger stimmlicher Abnutzungserscheinungen für sich einzunehmen.

Seinen Anteil am emotionalen Tiefgang dieser Aufführung hatte auch der Dirigent Nir Kabaretti an der Spitze der nicht sonderlich präzise, aber klangfarblich abwechslungsreich und dynamisch wach aufspielenden Orchestre de Chambre de Lausanne und wo szenisch mit Personenführung in der Arena nichts herauszuholen ist, hilft sich die Inszenierung mit zwar ebenfalls klischeehaften aber durchaus hübschen und farbigen Video-Bildern, die weiter nichts zur Aufgabe haben, als der Szenerie ein wenig Atmosphäre einzuhauchen. Szenische Überraschungen gab es keine, die Inszenierung aber konnte sich voll und ganz auf die Bühnenpräsenz von Sae Kyung Rim verlassen.

Es gibt ein paar Neuerungen in Avenches: Familien- und Budget-freundliche Preise zum Beispiel, mehr Platz für die Beine, vor allem aber hat man offiziell zur Verstärkung des Klangs gegriffen. Bisher wurden versteckt und punktuell bloss einzelne Instrumente oder Register dezent verstärkt, jetzt zeigen zwei vergleichsweise immer noch bescheidene Lautsprechertürme den Paradigmenwechsel. Unsere Plätze waren viel zu nah an der Szene um die Veränderung zu würdigen und die Konsequenzen abzuschätzen.

Reinmar Wagner

Bild: Joseph Carlucci / Avenches Opéra