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Puccinis «La Bohème» in Luzern

Erstellt von wagner
Künstler-Kommune wie auf der Paris-Postkarte: Ganz traditionell, ohne szenische Deutungsambitionen, vor allem aber auch ohne schauspielerischen Elan erzählt das Luzerner Theater Puccinis populäre Oper «La Bohème». Bei der Premiere am Freitag blieben auch musikalisch noch Wünsche offen.

 

Kaum zu glauben: wir sind tatsächlich in Paris, der Eiffelturm grüsst durch die Nacht. Es ist kalt und es schneit, die Dachwohnung unserer Künstler-WG ist genauso spartanisch eingerichtet, wie man das in Henry Murgers Roman nachlesen kann. Und so bleibt es auch den ganzen Abend über: Alles so wie es vorgezeichnet ist in Roman und Libretto: das Café Momus mit dem farbigen Flair des quartier latin, der Zöllner, der leere Körbe kontrolliert, Mimì die herzergreifend in Rodolfos Bett stirbt. Die Inszenierung von Achim Thorwald und die Ausstattung von Christian Floeren entwickeln nicht die geringsten Ambitionen, uns mit Puccinis «Bohème» irgend eine andere Geschichte zu erzählen, als diejenige, die Puccini und seine Librettisten Giacosa und Illica vorgegeben haben.

Kein Subtext, kein Kommentar, keine Deutungsversuche – das hat Seltenheitswert auf der Opernbühne heute, und gerade das Luzerner Theater hat sich in der Vergangenheit an vordester Front darin hervorgetan, die bekannten Stücke anders, ungewohnt, in neuem Kontext zu deuten. In diese «Bohème» kann man also bedenkenlos Enkel und Omas mitnehmen. Dagegen ist auch gar nichts einzuwenden. Aber die Produktion wirkt halt schon extrem brav. Und das liegt nicht einmal nur an den Postkarten-Klischees, sondern vor allem auch am Regie-Handwerk von Achim Thorwald.

Die Personenführung des gelernten Schauspielers ist erstaunlich unterentwickelt. Nach ein paar guten Ansätzen, die Künstler-WG mit jugendlich-unnützem Kommilitonen-Geist zu beleben, flacht der Elan schnell ab, und man steht auf der Bühne meistens einfach herum. Je mehr sängerisch zu schwelgen ist, desto sparsamer werden die szenischen Ambitionen. Das betrifft vor allem die beiden Protagonisten Mimì und Rodolfo, aber auch eine Musetta, die im Momus-Bild eigentlich ein Feuerwerk an kapriziöser Launenhaftigkeit abbrennen müsste, wirkt steif und wenig verführerisch.

Dieser Eindruck wird auch durch die Stimmen selber nicht immer verbessert. Carla Maffoletti hat schlicht zu wenig Format und Volumen für die Musetta, Jutta Maria Böhnert als Mimì überzeugt zwar mit runden, gepflegten Linien in mittleren Lagen und leisen Dynamikstufen, ihr Sopran aber gerät zu schnell in spitze, scharfe Farben, wenn sie mit Puccini-Power in die Höhe steigen will. Der Koreaner Carlo Jung-Heyk Cho verfügt als Rodolfo über ein berauschend schönes Tenor-Timbre, und auch die nötlge Strahlkraft scheint ihm nicht zu fehlen. Bei ihm hat man eher den Eindruck, dass er noch nicht so genau weiss, wo er sich an die grossen Vorbilder à la Pavarotti anlehnen, eher dosieren oder klangfarbliche Varianten suchen will. Aufhorchen liess der sichere, geschmeidige und kräftige Bariton, mit dem Todd Boyce den Marcello zeichnete.

Man kann die «Bohème» wesentlich präziser spielen als das Luzerner Sinfonieorchester es vorzeigte. Aber die Atmosphäre der quirligen Künstler-Szenen wie auch die Emphase von Liebesleidenschaft und Trennungsschmerz vermag das Dirigat des neuen Ersten Kapellmeisters in Luzern, Boris Schäfer, stets aussagekräftig aus dem Orchester herauszuholen. Vieles klingt burschikos und gut gelaunt. Neckisch zum Beispiel, wie Schäfer die zahlreichen lautmalerischen Anklänge in Puccinis Partitur heraus hebt. Auf der anderen Seite lässt er Orchester wie Solisten wirklich jede Möglichkeit zum schwelgerischen Rubato auskosten – vielleicht auf die Dauer ein wenig gar zu exzessiv.

Reinmar Wagner

Foto: Toni Suter / Luzerner Theater