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Puccinis «La Bohème» in Bern

Erstellt von wagner
La Vie de Bohème in den Sixties. und Party bei Andy Warhol: Sein «Don Giovanni» letzte Saison in Bern war ein Wurf, mit seiner Sicht auf Puccinis «Bohème» konnte der südafrikanische Regisseur Matthew Wild nun aber weniger überzeugen.

Marcello, der Maler aus der «Bohème»-Kommune, hat es geschafft: Er ist ein berühmter Künstler geworden. Gerade bereitet man eine grosse Retrospektive vor. Marcello sitzt mittlerweile im Rollstuhl, wird von seiner Frau herein geschoben: Es ist Musetta, der flatterhafte Schmetterling von einst, die es noch immer an seiner Seite aushält. Nicht nur körperlich geht es bergab mit Marcello, auch das Erinnern fällt schwer: Irrlichternd tauchen die Szenen aus der hippen 60er-Jahre-Kommune von einst vor seinem inneren Auge auf: die Freundschaften, die Armut, die Liebesgeschichte zwischen Mimì und Rodolfo, die Parties – nicht im Quartier latin, sondern in einer schrillen Avantgarde-Factory von Andy Warhol – Mimìs Tod, die nun natürlich nicht mehr an Schwindsucht stirbt, sondern an Krebs.

In dieser doppelten zeitlichen Überlappung erzählt der südafrikanische Regisseur Matthew Wild Puccinis Künstlerdrama «La Bohème». Et tut das sehr unterhaltsam, vor allem im zweiten Bild, wenn er alle Register zieht, um eine schrillbunte Künstler-Party abschnurren zu lassen. Auf das schauspielerisch bewegliche Berner Ensemble – und auch den Chor – konnte er dabei zählen. Allerdings bleibt uns Matthew Wild die Begründung schuldig, warum es reizvoll sein soll, diese Geschichte, die nun eigentlich in sich selber sehr unproblematisch abläuft, aus der Erinnerungsperspektive einer Nebenrolle zu erzählen, und die zeitlichen Ebenen immer wieder und nicht ganz nachvollziehbar zu vermischen. Und noch schwieriger wird es, aus einer solchen Erzählstruktur heraus zu kommen, und die Oper da, wo sie nun bei Puccini halt gerade besonders auf die Tränendrüsen zielt, zu ihrem Recht kommen zu lassen. Dass wir am Ende für Mimì und Rodolfo gar nicht so viel Mitleid aufbringen, sollte vielleicht dann doch nicht ganz das Ziel einer Opern-Inszenierung sein.

An der Musik kann es nicht gelegen haben. Der deutsche Dirigent Ivo Hentschel, der seine ersten Premiere in Bern leitete, sparte nicht mit Pathos und liess das Orchester fast immer Puccinis süffige Kantilenen mit voller Emphase ausmusizieren. Es gab hin und wieder Momente einer feineren dynamischen Gangart, aber meistens klang es vor allem laut aus dem Graben. Puccini verdoppelt bekanntlich die Gesangslinien im Orchester, was für die Sänger, die auf einem derart ungedämpften Fundament singen, nur eines heisst: Gib was du kannst, sonst gehst du unter.

Wenn man eine Besetzung hätte, die sich unter solchen Bedingungen wohl fühlt und die stimmlich über diesen Orchesterwogen nur noch heller strahlen kann, dann hat ein solcher Puccini-Rausch durchaus seinen Reiz. Hatte man aber nicht in Bern: Der Mimì von Evgenia Grekova wie dem Rodolfo vom dänischen Tenor Peter Lodahl fehlte das Metall in der Stimme, um hier zu bestehen. Beide verfügen an sich über ein rundes Timbre und vokale Wärme, im Fortissimo aber klingen sie schnell angestrengt und nur noch sehr eindimensional. Selbst die Musetta von Orsola Nyakas, die mit ihrer klaren, beweglichen, höhensicheren Stimme kürzlich schon als Despina brillierte, musste unschöne Schärfen in Kauf nehmen. Am besten über die Runden kam noch Todd Boyce als Marcello – und der Chor, der sich bezüglich Klangvolumen nun wirklich nichts vormachen lassen musste. Eine feinere Puccini-Klinge vom Dirigentenpult her aber würde dem ganzen Ensemble deutlich mehr Luft zum Atmen lassen und der dieser populären Oper sicher nicht schlecht anstehen.

Reinmar Wagner

Foto: Annette Boutellier / KonzertTheaterBern