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Puccinis «Butterfly» in Basel

Erstellt von wagner
Ein Selbstmord als flammende Rache: Romantische Opern in der aktuellen Gegenwart anzusiedeln ist nicht immer ein einfaches Unterfangen. Dem russischen Regisseur Vasily Barkhatov ist es in Basel mit Puccinis japanischer Operntragödie «Madama Butterfly» gelungen.

Nein, in Japan sind wir nicht. Eher in Bali, oder in Thailand, oder auf den Philippinen, dort, wo heutzutage der Sex-Tourismus Einzug gehalten hat. Es gibt Folklore und Smartphones und grosse Flachbildschirme, wer Geld hat, kann seiner Ferien-Geliebten ein schickes Haus mit Pool und Fenstern aus Smart-Glass mieten, die ihre Lichtdurchlässigkeit mit elektrischer Spannung regulieren lassen. Eine hübsche Aktualisierung der transparenten Papierwände traditioneller japanischer Häuser, bloss hat die Technik offenbar ihre Tücken: Bei der Basler Premiere wollte die eine Scheibe partout nicht mehr transparent werden.

Es war auch sonst eine sehr Technologie-lastige Inszenierung, die der russische Regisseur Vasily Barkhatov, der in Basel schon Mussorgskys «Chowanschtschina» und Prokofjews «Der Spieler» auf intelligente Weise heutigen Lebensrealitäten angepasst hatte, für Puccinis koloniales Liebesdrama auf die Bühne brachte. Die Videos von Alexander Sivaev prägen die Szene – und nur selten erlebt man, dass das schicke Stilmittel, das im Theater heute so gerne eingesetzt wird, auch zu so sinnvollen Resultaten führt: Das Smartphone ist omnipräsent, sowohl Pinkerton, der vom Seemann zum Politiker mutiert ist, wie Cio-Cio-San filmen sich und ihr Gegenüber permanent. Und diese plumpen Alltags-Videos sind es denn auch, die das Mädchen immer wieder ansieht, die sie nach einer Schwangerschaft und drei Jahren des Wartens immer noch glauben lassen, dass der Traummann aus dem Westen wieder kommen und ihre Liebe aufleben lassen wird. 

Dass diese Liebe Illusion ist, wissen wir – und weiss sie in dieser Inszenierung im Grunde auch. Barkhatov zeigt uns eine junge Frau, die sich wider besseres Wissen mit voller Kraft an diese eine Hoffnung klammert. Und die – nachdem ihr Kartenhaus zusammengebrochen ist – nicht als stilles Opfer verlöscht, sondern ihren Selbstmord in voller Berechnung als flammende Rache inszeniert – an ihm, und auch an ihrem Kind. Da gelingen der Inszenierung überaus starke emotionale Momente.

Stark ist auch Puccinis Musik: In dieser Partitur hat er – nach ein paar Retuschen in Folge der kühl aufgenommenen Uraufführung in der Mailänder Scala 1904 – zu vollendeter Meisterschaft gefunden und ist sich sicher in der Verwendung seiner Stilmittel, um die wechselnden Emotionen wirkungsvoll in die Höhe zu treiben. Sicher war sich darin auch der italienische Dirigent Antonello Allemandi: Vom ersten Takt an gab er Vollgas, stets bemüht, auch nicht das Geringste von Puccinis suggestiven Linien zu verschenken. Er schaffte es an der Spitze eines lustvoll und kompetent aufspielenden Basler Sinfonieorchesters auch immer, dabei nicht pauschal und platt zu werden, sondern im Gegenteil, mit feinen agogischen Nuancen die Spannung zu erhalten und auch klangfarblich differenzierte Schichtungen zu erzeugen. 

Für sein meist junges Sänger-Ensemble war er damit allerdings oft eine oder mehrere Stufen zu laut. Dennoch gelang Domen Krizaj ein befriedigender, phasenweise sogar berührender Sharpless und Kristina Stanek eine starke Suzuki. Beim Tenor, dem Georgier Otar Jorjikia, überwog manchmal ein wenig die Lust an tenoralen Kraftmeiereien in der – zugegeben strahlenden – Höhe, die ein wenig die gestalterische Ideenlosigkeit kaschierte. Kein bisschen aus der Ruhe bringen von Allemandis Furor liess sich die unangefochtene Königin dieser Oper: Die vielseitige amerikanische Sopranistin Talise Trevigne füllte die Partie der Cio-Cio-San mit packender Präsenz und aller denkbaren Intensität, gestaltete dabei differenziert und klug, setzte Klangfarben und Sprachnuancen gezielt ein und bewies damit, dass man Puccini sehr viel eindinglicher singen kann, wenn man nicht einfach immer nur das vollste Forte einsetzt, das die Stimme hergibt.

Reinmar Wagner

Bild: Priska Ketterer / Theater Basel