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Prokofjews Oper «Der feurige Engel» in Zürich

Erstellt von wagner
Calixto Bieito und Gianandrea Noseda reüssieren am Opernhaus mit Prokofjews Oper «Der feurige Engel», ein starkes, unterschätztes, viel zu selten gespieltes Stück, das in Bieitos schlüssiger Inszenierung seine Aktualität und unter den Händen von Gianandrea Noseda seine musikalischen Qualitäten beweisen konnte.

Es rotiert. Die Drehbühne einerseits, die von Rebecca Ringst mit einem wahrhaft monströsen Labyrinth aus Gerüsten, Räumen, Leinwänden zugebaut wurde: Es ist der Blick in die kranke Seele von Renata, in die Ruprecht, der ihr Verfallene, zwar eindringen kann, aber auch er, der kämpft um sie bis zur Selbstaufgabe, ist schliesslich chancenlos gegen die mächtigen Geister, Visionen, Erinnerungen, Traumata, die Renata im Griff halten. Es rotieren aber auch die Räder eines Fahrrads, und da kommen wir den Ursachen von Renatas Wahnvorstellungen näher, ohne dass Calixto Bieito schon zu früh zu viel verraten will und erst in seinem Schlussbild das Rätsel um den «Feurigen Engel» mit einer gelungenen Chiffre auf seine Weise auflöst.

Dabei braucht er keine Geister und Dämonen zu bemühen. Dieser Engel ist in Renatas Kopf, wir blicken in das Kaleidoskop ihrer Erinnerungen. Der Stoff, den der russische Autor Walerij Brjusow im späten Mittelalter ansiedelte, und aus dem Prokofjew sich selber das Libretto zu seiner Oper formte, ist für Bieito klar rational fassbar. Renatas Wahnsinn ist erklärbar, auch wenn er ihr schliesslich auch nicht aus ihrer Umnachtung helfen kann – immerhin endet sie bei ihm nicht auf dem Scheiterhaufen der Inquisition, aber das finale Feuerzeichen der Hoffnung bleibt wohl eine kurze Episode in ihrem Leben.

Je länger je mehr wird im Verlauf von Bieitos Sicht auf Renata klar, dass ein schlimmer Übergriff und Missbrauch in Renatas Kindheit dazu führte, dass sie sich ihren Peiniger als einen schönen Mann in feuriger Gestalt umdeutete, der mit ihr spielte und ihr Gesellschaft leistete, der sie aber brutal zurück wies und verliess, als sie sich die Erfüllung ihrer Verliebtheit auch in körperlicher Verbindung zu wünschen begann. Seither ist Renata auf der zwanghaften Suche nach ihrem Engel, glaubte ihn in einem Grafen gefunden zu haben, von dem sie wiederum verlassen wurde. Ruprecht ist bereit, alles für sie zu tun, sie besuchen Wahrsager und beschwören schwarze Magie, Ruprecht duelliert sich mit dem Grafen, aber es hilft alles nichts: Renatas Wahnvorstellungen ist nicht beizukommen. Sie geht ins Kloster, wo sie nur wieder für Unruhe sorgt, ein Exorzismus, der an ihr versucht wird, führt zu einem orgiastischen Massendelirium.

Wahnsinn, sexuell aufgeladene Projektionen, Exorzismus, Geister, Dämonen, Magie, Massenhysterie – kein einfacher Stoff für eine Oper. Aber passend zum 20. Jahrhundert – dennoch war ihr keine glückliche Geschichte vergönnt: Prokofjew begann schon in den frühen 20er-Jahren daran zu arbeiten, 1925 hätte in Paris eine Uraufführung stattfinden sollen, die aber wegen einer privaten Affäre des Dirigenten abgesagt wurde. So ging es weiter: Bis zu Prokofjews Tod 1953 konnte keine Uraufführung realisiert werden. So dauerte es bis 1954 als in Paris die konzertante, ein Jahr später in Venedig die szenische Uraufführung auf die Bühne kam.

Am Opernhaus Zürich war das Stück noch nie zu sehen, dafür setzte diese Produktion jetzt aber Massstäbe. Nicht nur Bieitos schlüssige Inszenierung überzeugte, auch die musikalische Seite bewies höchstes Niveau. Das lag vor allem an Gianandrea Noseda, der im brachialsten Klanggetümmel ruhig die Übersicht behielt, stets dafür sorgte, dass nach den Fortissimo-Ausbrüchen, die Spannung erneut aufgebaut werden konnte, aber vor allem auch die lyrischen und süssen Passagen betonte, an denen diese meisterhaft instrumentierte Oper überraschend reich ist.

Noseda konnte aber auch auf ein Protagonistenduo zählen, das sich nicht nur schonungslos in die szenische Realisierung dieser beiden getriebenen Figuren stürzte, sondern auch sängerisch den immensen Anforderungen gerecht wurde. Schlicht sensationell wie sich die litauische Sopranistin Ausrine Stundyte in die Renata einfühlen konnte, wie sie ohne die geringsten Ermüdungserscheinungen, ohne Forcieren, ohne Eintrübungen in den Klangfarben ihrer kraftvollen, vorbildlich kontrollierten Stimme die kräftezehrende Partie durchstand und stets aufs neue beeindruckte mit der souveränen Mühelosigkeit, mit der sie den überaus rasch wechselnden Gemütszuständen ihrer Figur Ausdruck verlieh.

Der britische Bariton Leigh Melrose stand ihr in nichts nach, und auch wenn seine Partie ansatzweise etwas weniger umfangreich ist, so füllte er sie doch sowohl szenisch wie sängerisch mit einer packenden Präsenz und scheute weder kräftezehrende Ausbrüche noch die Zerbrechlichkeit verzweifelter Resignation. Die zahlreichen kleinen Partien der Oper, die Zürich aus dem Ensemble besetzen konnte verblassten neben diesen beiden, vielleicht mit einer Ausnahme: dem imposanten Pavel Daniluk als Inquisitor.

Reinmar Wagner

Bild: Monika Rittershaus / Opernhaus Zürich