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«Oresteia» von Iannis Xenakis in Basel

Erstellt von wagner
Der griechische Komponist Iannis Xenakis beschäftigte sich seit den 60er-Jahren mit den antiken Tragödien um Orest und die Atriden. Die Musik, die dabei entstand, hat Calixto Bieito im Theater Basel mit Auschnitten aus den Texten von Aischylos verbunden: heftige Musik, heftiges Theater, eine Rache-Spirale in den Abgrund.

Die wenigsten von uns werden schon einen Menschen erwürgt haben. In Hollywood-Filmen oder deutschen Fernsehkrimis ist das jeweils eine kräftige, aber kurze Einstellung zwischen zehn und zwanzig Sekunden. Wie es in der Realität sein könnte, einen Menschen mit blossen Händen umzubringen, zeigt uns Calixto Bieito auf der Basler Bühne, und zwar direkt an der Rampe, einen Meter von der ersten Zuschauerreihe entfernt: Quälend lange Minuten, in denen das Opfer zappelt und röchelt, sich wehrt und um sich schlägt, selbst, wenn es, wie hier, körperlich unterlegen ist.

Klytämnestra ist es, die hier auf diese Weise zu Tode kommt, umgebracht bekanntlich von ihrem eigenen Sohn Orest, der damit seinen Vater Agamemnon rächt, den Klytämnestra zusammen mit Aegyst in der Badewanne erschlug. Auch diesen Mord sehen wir auf Bieitos Basler Bühnenplanken: vergleichsweise human, wie drei Axtschläge den aus Troja zurück gekehrten Anführer der Griechen ins Jenseits befördern.

Für einmal sind nicht nur die Frauen die Opfer bei Bieito: Klytämnestra ist Täterin, Elektra Antrieb und Gehilfin, nicht minder aber selber auch betroffen von der omnipräsenten Gewalt in dieser Inszenierung. Bieito reagiert mit seinem direkten, brutalen Theater auf eine Musik, die ihrerseits so direkt und brutal wie möglich sein will: Iannis Xenakis, 1922 geborener griechischer Architekt und Komponist mit starken Interessen an mathematischen Theorien, schrieb 1965/66 für ein amerikanisches Festival Bühnenmusik zur Orest-Tragödie von Aischylos. Sie lebt fast ausschliesslich von rhythmischen Elementen und zielt in ihren Schlagwerk-Orgien direkt aufs Zwerchfell. Überaus stark zum Beispiel, wie Xenakis die Stimmen der Erinnyen, der antiken Rachegeister, die Orest plagen, aus dessen Kopf heraus holt und sie mit allem zur Verfügung stehenden Getöse auf die Ohren der Zuhörer loslässt.

Ein denkbar grosser Kontrast zu dieser brachialen, auf unmittelbare Wirkung zielenden Musik ist die extreme Künstlichkeit der altgriechischen Sprache, die Xenakis für den Chor und für den Solo-Bariton wählte. Die Palette der Gesangslinen reicht dabei von quasi traditionellen Melodielinien bis hin zu Stammeln und allen Geräuschen, die man mit Stimmer und Körper hervorbringen kann. Für den Solisten wählte Xenakis unnatürlich Falsett-Register und gigantische Sprünge, extreme Künstlichkeit auch hier, gipfelnd im Solostück «Kassandra» für Bariton und Schlagzeug, das ein wahres Feuerwerk an hochvirtuosen Anforderungen an beide Interpreten zündet, das Holger Falk und ein leider ungenannt bleibender Perkussionist als 20minütige Parforce-Performance bravourös abbrannten.

Im Instrumentalensemble, besetzt aus den Reihen der mit zeitgenössischen Spieltechniken vertrauten Basel Sinfonietta und unter der Leitung des souveränen Franck Ollu finden sich ähnlich weit gespannte Paletten an Ausdrucksmitteln und Spieltechniken, bis hin zu allerlei Geräuscherzeugern und Spielzeug-Instrumenten. Fünf Schauspieler aus dem Basler Ensemble spielen, schreien und stammeln sich das Herz aus dem Leib auf den Brettern, die die Welt bedeuten, die hier aber bloss lose Planken sind. Abgründe tun sich auf, es ist kein Verlass auf diesen Untergrund, genauso wenig wie auf die antiken Griechengötter, die sich selbst nicht einig werden können über Schuld und Unschuld in dieser Rache-Spirale in der Atridenfamilie. Ausweg aus dem Dilemma ist die Demokratie: Gericht und Volksabstimmung, Vernunft und Versöhnung. Sagt Aischylos. Aber nicht Bieito: die Urne zerspringt, die letzten Werte zerfallen, der Kinderchor – Botschaft der Hoffnung – steht staunend neben den Schuhen. Klein, einsam, macht- und orientierungslos bleibt der Mensch zurück. So wie das tote Mädchen, von dessen kurzem, trostlosem Leben ein Film von Sarah Derendinger erzählt: Ob es Iphigenie war, lässt Bieito offen.

Reinmar Wagner

Bild: Sandra Then / Theater Basel