Syndicate content


Offenbachs «Schöne Helena» in St. Gallen

Erstellt von wagner
Gut gezielte Pointen: Am Theater St. Gallen klopft der Regisseur Ansgar Weigner Offenbachs Antiken-Persiflage auf ihr Kabarett-Potenzial ab: Heraus gekommen ist eine sehr vergnügliche Helena.

Das Leichte ist oft etwas vom Schwierigsten. Das gilt gerade auch für die Operetten von Jacques Offenbach. Esprit ist gefragt, und zwar pausenlos, sowohl musikalisch wie szenisch. Die neue Produktion in St. Gallen schafft es meistens, die Ereignisdichte hoch zu halten, die Kaskade an witzigen szenischen Einfällen kaum zu unterbrechen und auch die Möglichkeiten an kabarettistischen Texten und Einlagen auszunutzen. Ein paar Längen gab es zwar, aber vor allem die lustvoll aktualisierten und auf heutige (Politiker-)Figuren umgemünzten Zwischentexte, die der Regisseur Ansgar Weigner und sein Dramaturg Marius Bolten erfanden, sorgen immer wieder für gut gezielte Pointen: «Make Sparta great again!» Und die Schauspielerin Pascale Pfeuti, die hier als «Bacchis» am Hof des Menelaos eingeführt wird, erhielt sogar einen eigenen kabarettistischen Exkurs zum Thema Geschlechterrollen, den sie virtuos bewältigte.

Die Persiflage antiker Helden- oder Göttergestalten, war seit dem riesigen Erfolg von «Orpheus in der Unterwelt» zum Erfolgsrezept von Offenbach geworden. Auch die 1864 uraufgeführte «Belle Hélène» konnte daran anknüpfen, zumal jeder im Paris des Second Empire Offenbach satirische Spitzen gegen die aktuelle politische uns gesellschaftliche Situation natürlich verstand und amüsiert goutierte. Interessanterweise waren es gerade die (oft adeligen) Spitzen der Gesellschaft, die sich von Offenbach unterhalten liessen und damit über sich selber lachten, während das Bürgertum über den Zerfall aller Moral schimpfte, zumal die Diva Hortense Schneider, auf die Offenbach seine Helene massschneiderte, eine ziemlich zwielichtige Darstellerin gewesen sein muss, deren sängerische offenbar eher am hinteren Ende ihrer Reize gestanden haben. So ist es natürlich beste Tradition, wenn man diese auf die damaligen Verhältnisse zugespitzten Pointen in heutigen Aufführungen den heutigen Verhältnissen anpasst. Zuviel soll nicht verraten werden aus dem Repertoire des Gag- und Pointen-Feuerwerks, das Regie und Dramaturgie abbrannten, aber es gibt einiges zu lachen über die Potentaten der aktuellen Weltordnung. 

Für den stilgerechten musikalischen Esprit sorgte der französische Dirigent Nicolas André. Er animierte das Orchester fast überall zu recht spritzigem Spiel, hielt die Tempi hoch und die dynamischen Pegel in Sänger-gerechten Relationen. Die wussten es ihm zu danken, allen voran Marie-Claude Chappuis in der Titelrolle. Ihre bewegliche in allen Lagen ausdrucksvolle Stimme verband sich ausgezeichnet mit der lustvoll und durchaus handfest ausgespielten Rolle, die von zärtlich-kokett über raffiniert oder intrigant bis hin zur larmoyanter Besoffenheit viele dankbare schauspielerische Momente bietet. Gustavo Quaresma gab den Paris schauspielerisch sehr agil, sang auch mit einem schönen Timbre und immer höhensicherer Stimme. Allerdings klingt bei ihm fast alles immer genau gleich, selbst wenn er als verkleideter Botschafter der Venus als Angela Merkel-Parodie («Wir schaffen das!») auftritt.

Reinmar Wagner

Bild:  Andreas J. Etter / Theater St. Gallen