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Offenbachs «Hoffmann» in Zürich

Erstellt von wagner
Premiere trotz Corona: Das Zürcher Opernhaus brachte am 11. April Offenbachs grosse romantische Oper «Les Contes d'Hoffmann» auf die Bühne im leeren Haus und streamte live ins Internet. Überzeugend war vor allem Saimir Pirgu bei seinem Rollendebüt in der Figur des zwischen Liebe und Kunst hin- und her gerissenen Dichters.

Ein Fass. Mehr braucht Andreas Homoki nicht, um den Prolog zu erzählen. Die Kostüme von Wolfgang Gussmann orientieren sich an der Zeit der Entstehung von Offenbachs grosser romantischer Oper. Homoki erzählt ohne Brimborium, er braucht sich nicht auf die Suche einer wie auch immer gearteten Originalität zu begeben, sondern er vertraut ganz auf die Situationskomik und die vom Stück schon vorgegebenen skurrilen Figuren und Szenen. Für Olympia ist kein qualmendes Alchimisten-Labor nötig, es reicht ein rotes Sofa. Und hübsch, wie eine simple Brille genügt, in Hoffmanns Augen den Anschein von echtem Leben in die Bewegungen dieses Automaten zu zaubern.

Das ist genau gedacht und mit Akribie in der Personenführung umgesetzt worden. Hoffmann träumt die Liebesgeschichten seines Lebens, aber es ist der Nebenbuhler Lindorf, die böse Figur, die in dieser romantischen Oper in wechselnder Gestalt in allen Szenen Hoffmanns diabolischer Widersacher ist, der wie ein Magier die Szenen für uns zum Leben erweckt. Für die musikliebende Antonia reicht ein Flügel – der sie auch erschlägt, einer der wenigen Bühnen-Effekte, den sich Homoki erlaubt. Und die Atmosphäre der Sommernacht in Venedig beschränkt sich auf einen Murano-Kronleuchter und ein apartes Kleid für Giulietta.

Vor allem musikalisch aber überzeugt diese erneut unter Corona-Bedingungen mit grossem Aufwand zur Video-Premiere gebrachte Produktion. Insbesondere der Hoffmann von Saimir Pirgu wirkt überaus vielfältig in seinen sängerischen Möglichkeiten, souverän im Einsatz der stimmlichen Mittel. Es ist sein Rollendebüt, aber so wirkt sein Auftritt überhaupt nicht: Seine Linien sind geschmeidig, entwickeln Wärme und Schmelz und eine schöne, noch immer runde Strahlkraft, wenn diese dann angezeigt ist, was bei Pirgu eher seltener als üblich der Fall scheint, aber auch am Ende der kräftezehrenden Partie noch problemlos in seinen stimmlichen Möglichkeiten liegt.

Die düsteren Figuren sind beim Bassbariton Andrew Foster-Williams bestens aufgehoben: Genügend Schwärze, aber auch genügend Agilität bringt der Brite mit. Die Doppelrolle Muse/Niklausse bewältigt Alexandra Kadurina souverän und klanglich, sprachlich und agogisch agil, sowohl in den bewegten, quirligen Passagen dieser Rolle wie auch in den Phasen emotionaler Bewegtheit. Und eine virtuose Koloraturgurgel wie Katrina Galka verschenkt die Möglichkeiten der Olympia keineswegs und gewinnt der Rolle auch deutlich mehr an Varianten ab, als es üblicherweise zu hören ist. Leicht weniger berauschend sang Ekaterina Bakanova die Antonia: Ein bisweilen etwas starkes Vibrato und Trübungen in der Intonation minderten den Eindruck der dramatischsten und musikalisch interessantesten Frauen-Rolle in diesem Stück.

Das zu Beginn der Pandemie vom Zürcher Opernhaus eingerichtete Konzept der Trennung von Bühne und Orchester erlaubt es auch diesmal, die Partitur in voller Besetzung zu spielen. Im Proberaum, der etwa einen Kilometer vom Haus entfernt ist, sitzen Chor und Orchester, und Antonino Fogliani hat die schwierige Aufgabe, den via Glasfaser ins Opernhaus übertragenen Klang mit den Sängern auf der Bühne zu koordinieren. Das gelang ihm sehr gut, gleichwohl schlichen sich in dieser Premiere doch einige Ungenauigkeiten und rhythmische Wackler ins Geschehen, nicht so sehr in der Koordination zwischen Solisten und Orchester, sondern innerhalb der Musikergemeinschaft der Philharmonia Zürich. Das mag auch daran liegen, dass man zwar in diesem Proberaum vermeintlich ideale Spielbedingungen hat, aber die Musiker aufgrund des Corona-Schutzkonzepts sehr viel weiter als üblich auseinander sitzen und sich dadurch schwerer hören als in den zwar engen, aber akustisch doch nicht so üblen Bedingungen eines Orchestergrabens. Ansonsten hielt sich Fogliani in den Tempi eher auf der zügigen Seite, was dem Stück gut bekommt, und bewies sehr viel Sinn für die vielen Details dieser überaus theatralisch komponierten Musik.

Reinmar Wagner

Die Produktion ist auf der Webseite des Opernhauses bis Ende April kostenfrei abrufbar. Ab Mai, falls erlaubt, besteht die Möglichkeit für Live-Aufführungen.

Offenach: «Les Contes d'Hoffmann». Opernhaus Zürich, Premiere am 11. April 2021. ML: Antonino Fogliani, R: Andreas Homoki, mit Saimir Pirgu, Alexandra Kadurina, Katrina Galka, Ekaterina Bakanova, Lauren Fagen, Andrew Foster-Williams, Spencer Lang.

Foto: Monika Rittershaus / Opernhaus Zürich

 

 

 

 

 

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