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«Notations» eröffnet am Zürcher Opernhaus das Tanzfestival «Steps»

Erstellt von wagner
Drei Uraufführungen präsentierte das Zürcher Ballett am Donnerstag unter dem Etikett «Notations»: Eine von seinem Chef Christian Spuck, je eine von Wayne McGregor und Marco Goecke. Es war gleichzeitig die Eröffnung des Tanzfestivals «Steps», das vom Migros-Kulturprozent durchgeführt wird.

 

 

Weisse Trockeneis-Nebel wallen so dicht, dass man die Tänzer kaum sieht. Ein Mond kämpft vergeblich gegen die Schwaden. Aggressives Schlagzeug setzt zum Trommelfeuer an, entsprechend eckig und energiegealden sind die Bewegungen der tanzenden Silhouetten. Oder: Zarte Glasharfenakkorde von Mozart klingen von ferne, eine zwergwüchsige Schauspielerin rezitiert Shakespeare-Sonette, eine Frau in Lila deklamiert gestisch die Reimschemata dazu. Oder: Ein Vorhang, Notenlinien darauf, Vivaldis Partitur der «Vier Jahreszeiten». Im Stroboskoplicht dahinter die Tänzerinnen und Tänzer in eckigen Momentaufnahmen zu einer Musik, die mit Vivaldis Motiven spielt.

So unterschiedlich die Eröffnungs-Strategien, so unterschiedlich die Handschriften der drei Choreographen, die im Zürcher Ballettabend «Notations» vereint sind. Das Trommelfeuer im Trockeneisnebel machte Marco Goecke, Hauschoreograph in Stuttgart und beim Nederlands Dans Theater, in «Deer Vision» zum Laufsteg für eine hoch artifizielle, absolut erstaunliche Vielfalt an Gesten und Bewegungen der Arme, des Oberkörpers und des Kopfes. Nur kam er auf die Idee, nach einer Minute statt Trommeln von Chris Haigh Schönbergs «Verklärte Nacht» spielen zu lassen. Das wirkt in etwa wie der Mitschnitt eines Improvisations-Workshops, dem der Lehrling den falschen Soundtrack unterlegt hat. Schönbergs spätromantische Streicherharmonien, die von mehrschichtigen Entwicklungen, dynamischen Abläufen und aus sich selbst generierten Prozessen leben, werden auf diese Weise nach Strich und Faden konterkariert. Das ist weder witzig noch aufschlussreich, da hilft auch die ferngesteuert Maus auf dem Parkett nicht wirklich weiter.

Shakespeares Sonette nahm sich Christian Spuck zur Brust. Dass Sprache als Vorlage für choreographische Inspirationsquelle dienen kann, bewies er in «Sonett» eindrücklich. Der Tanz selbst geriet zwar dadurch ein wenig in den Hintergrund, die Athlethik der Paartänze auf kleinen Podesten tendierte als dekorative Umrahmung der Liebes-Enttäuschungen und –Ekstasen Shakespeares ein wenig zu verschwinden. Aber Spuck schaffte es dennoch eine interessante Arbeit zu kreieren, die reizvoll mit den Elementen Tanz, Theater, Text zu interagieren vesteht, und dazu mit dem ersten Satz der achten Sinfonie von Philipp Glass eine rhythmisch passende, vom Orchester unter der Leitung von Michael Zlabinger auch bis auf ein paar Premierenpatzer beachtlich gespielte Musik fand.

Am traditionellsten – obwohl überhaupt kein Traditionalist – ging der Brite Wayne McGregor in «Kairos» mit der Situation um. Virtuos hat er mit je fünf Tänzern und Tänzerinnen Beziehungskonstellationen durchdekliniert, vom zarten Pad-de-deux bis zu wechselvollen Allianzen, in einer virtuosen, vielseitigen Körpersprache, die für die Verhältnisse des britischen Choreographen oft erstaulich rund und geschmeidig wirken. Er spielt mit kleinen Ungleichzeitigkeiten, zu einer Musik, die ihrerseits spielerisch das Arsenal von Vivaldis «Vier Jahreszeiten» zu Salven unterschiedlich gelungener Minimal-Loops verfeuert. «Vivaldi recomposed» nennt der britische Komponist Max Richter dieses Verfahren, das sich im recht rasch ermüdenden Elektronik- und Ambient-Design erschöpft. Xiaoming Wang steuerte live ein paar gekonnte Solokonzert-Passagen aus Vivaldis Ohrwürmern bei.

Die Zürcher Opernhaus-Premiere «Notations» markierte gleichzeitig die Eröffnung des Tanzfestivals «Steps», das vom Migros Kulturprozent im Zweijahresrhythmus in der ganzen Schweiz durchgeführt wird und noch bis zum 17. Mai dauert. Die künstlerische Leiterin Isabella Spirig strich die beeindruckenden Grunddaten dieses nationalen Tanzfestivals heraus: Zwölf Compagnien, 39 Bühnen, 86 Vorstellungen quer durch alle Landesteile. Wer also in den nächsten drei Wochen die internationalen Spielarten des modernen Tanzes erleben möchte, muss nicht weit fahren.

Reinmar Wagner

 

Foto: Judith Schlosser / Opernhaus Zürich

www.opernhaus.ch

www.steps.ch