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Netrebkos Aida in Salzburg

Erstellt von wagner
Zwei Frauen mit Aida-Debüt in Salzburg: Superstar Anna Netrebko und Regisseurin Shirin Nehat. Alles aus Salzburg gibt es in der nächsten gedruckten Ausgabe von Musik&Theater.

Wenn Anna Netrebko singt, herrscht in Salzburg Ausnahmezustand. 2002 war ihre Donna Anna ein Coup. Heute muss man sie bewundern, wie professionell sie mit dem Erwartungsdruck umgeht, der auf ihr lastet, wenn sie ihre erste Aida singt.

Was sie natürlich glänzend macht. Mit allen in der Höhe schwebenden Piani, den Abstiegen in die Tiefe und dem Blühen der Emotionen. Ihr Privileg: sie kann sich aussuchen, was sie wann und wo singen will. Ihre Aida ist beeindruckend, setzt voll auf die Vorzüge ihrer Stimme und vokale Gestaltungsfähigkeit.

Dazu: Francesco Meli als kernig strahlender Radamès, Ekaterina Smenchuk als ernsthaft konkurrierende Amneris. Wenn Amonasro Luca Salsi zusammen mit seiner Tochter Aida versucht, Radamès zum bewussten Seitenwechsel und einer gemeinsamen Flucht zu überreden, dann lodert auch die Leidenschaft in den Stimmen auf, die man gerne öfter gehört hätte. Verdis Aida-Musik bietet ja nicht nur den grossen Triumphmarsch-Pomp mit den eigens dafür konstruierten Trompeten. Die sind bei den Wiener Philharmonikern und Riccado Muti bestens aufgehoben.

Mit dem Regieauftrag ist Festspielintendant Markus Hinterhäuser bewusst ein Risiko eingegangen. Die aus dem Iran stammende und im New Yorker Exil lebende renommierte Fotografin und Videokünstlerin Shirn Neshat hat noch nie Oper inszeniert. Und sie bleibt mit ihrem demonstrativen tabula rasa in einer eigenen, unterkühlten Distanz zum Stück stecken. Irgendetwas stimmt nicht, wenn man sich die Elefanten und die Palmen (oder etwas adäquat Irritierendes) geradezu herbei wünscht in dieser sterilen Rumsteh- und Rumsitzorgie. Die wird nur vom Schreiten der Diven mit  ihren wehenden Gewändern unterbrochen. Man staunt, dass es das noch gibt. Opern-Regisseur ist halt doch ein richtiger Beruf. 

Auch die Balletteinlage der kleinen Truppe wirkt so aufgesetzt, wie die Stierschädel auf den Köpfen der Tänzer. Die Soldaten vermeiden schlendernd jeden Gleichschritt. Die Priester sehen aus wie orthodoxe Erzbischöfe mit langen Bärten. Sie verschwinden wie die Kardinäle zum Konklave in Christian Schmidts riesigem Kombi-Würfel. Der ist teilbar und von beiden Seiten nutzbar – als Kulisse und Tribüne für den Triumphmarsch, den es nur im Graben wirklich gibt. Auf der Bühne wird starr in guter Symmetrie gesessen. 

Am Ende ist der Würfel an einer Seite offen und erinnert an eine Styroporverpackung oder Kühlbox. Szenisch bleibt der Abend irgendwas zwischen peinlich und ärgerlich. An der Netrebko liegt das nicht.

Joachim Lange

Bild: Monika Rittershaus / Salzburger Festspiele