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Mozarts «Così fan tutte» in Bern

Erstellt von wagner
Mozarts Liebesverwirrungs-Komödie «Così fan tutte» – oder ist es eher eine Tragödie – erlebte am Berner Stadttheater eine fulminante Neuinszenierung, die szenisch von Maximilian von Mayenburg, musikalisch von Kevin John Edusei mit einem hervorragenden Ensemble gemeistert wurde.

Nein, der tiefgründige Philosoph und edle Denker ist Don Alfonso nicht. Hier ist er ein Bar-Keeper, der mit einigen Giftmischereien und eher billigen Zaubertricks das Verwirrspiel der beiden Liebespaare arrangiert. Er ist – das wird später in der Inszenierung von Maximilian von Mayenburg klar – selber ein Betrogener, das erklärt ein Stück weit seinen Zynismus und seine handgreiflich brachialen Mittel, mit denen er die üble Verkleidungsposse voran treibt. Seine Verbündete Despina dagegen scheint hier wirklich der flatterhafte Schmetterling zu sein, als den sie sich in ihrer grossen Arie gibt, und macht aus naiver Freude am Spiel mit.

Wieviel Komödie ist in «Così fan tutte»? Wie ernst sind die Gefühle, die im Lauf dieses einen Tages durcheinander gebracht werden? Wie nachhaltig kann der kurze Genuss einer einzigen Liebesnacht nachwirken? Oder lässt sich das alles mit einem Achselzucken wieder wegwischen: Schwamm drüber, es ist ja nicht wirklich viel passiert? Das jedenfalls sagt die Musik von Mozarts finalem Ensemble. Davor aber hat er gerade in seiner meisterhaften Art auf der Höhe seiner Fähigkeiten als musikalischer Zeichner von seelischen Zwischentönen deutlich gemacht, dass am Ende dieser Nacht nichts mehr so sein wird wie zuvor.

Bei Mayenburg dagegen ist alles wieder wie zuvor: Dieselbe Bar, dieselben Kleider, genügend Alkohol, um zu vergessen was war, und wieder da anzufangen, wo während der Ouvertüre die zwei Paare und Don Alfonso in ihre Wette um die Treue der Frauen starten. Das bedeutet nicht, dass Mayenburg die Echtheit und Tiefe dieser Gefühle negiert, im Gegenteil: Wir nehmen Fiordiligi ihre Seelennöte in jedem Wort und in jedem Takt ab, und auch Dorabella kippt nicht einfach so vom einen Verlobten zum anderen, wie auch die Nöte der schliesslich betrogenen Ehemänner durchaus existenzielle Dimensionen annehmen, im Kontrast zu den Possen, die sie davor gerissen haben.

Mayenburg gelingt es mit bewundernswert sicherer Hand, die emotionalen Tiefen seiner Figuren auszuloten und gleichzeitig die Komödie mit sehr viel unterhaltsamem Detailreichtum abschnurren zu lassen. Die ganze Verkleidungs-Klamotte braucht er gar nicht im Detail durchzuspielen, durch die Präzision seiner Personenführung glauben wir sie auch so. Und dazu kommt das Bühnenbild von Christoph Schubiger mit verspiegelten Wänden, poetischen Regen-Metaphern, farbigen Luftballons oder simplen Strassenlaternen, das zusätzlich beiträgt zum Eindruck von surrealem Schein und Unwirklichkeit. Kommt dazu, dass Mayenburg auf ein sehr bewegliches Ensemble zählen kann, das mühelos eintaucht in die turbulente Komödien-Handlung – und dabei fast unmerklich für die grossen Arien immer schön am Bühnenrand postiert agieren kann.

So können sie alle sich auch sängerisch von ihren besten Seiten zeigen, und tun dies auch auf kompetente, stilsichere und stimmlich einnehmende Weise. Umso erstaunlicher, wenn man erfährt, dass Oriane Pons, die eine berührend intensive, stimmlich vielseitige Fiordiligi sang, eigentlich für die Despina vorgesehen war, und die weit diffizilere Sopranrolle erst in den letzten Tagen vor der Premiere einstudiert hatte. Ihr Ersatz als Despina, die ungarische Sopranistin Orsolya Nyakas, ist ganz neu Ensemblemitglied am Berner Theater, lernte die Partie ebenfalls innerhalb weniger Tage, und die fehlende Vertrautheit war ihr ebensowenig wie ihrer Kollegin anzumerken. Das spricht stark für das Potenzial dieses Opern-Ensembles, denn auch auf allen anderen Positionen war die Produktion stark besetzt: Nazariy Sadivskyy sang mit strahlend-warmem Tenor den Ferrando, Eleonora Vacchi eine grundsolide Dorabella, Todd Boyce mit passender Kälte und Schärfe den Don Alfonso und Michal Marhold mit kerniger Virilität den Guglielmo.

Beste Noten verdiente sich auch die musikalische Begleitung, zum einen von einer sehr präsenten, äusserst vielseitige arpeggierenden Sonja Lohmiller am Hammerklavier. Und natürlich von Kevin John Edusei, dem Chefdirigenten des Berner Theaters, der schon in den beiden anderen «Da Ponte-Opern» von Mozart in Bern mit Klangfarben- und Detailreichtum brilliert hatte. In der schwierigen Situation mit umgestelltem Sängerensemble agierte er als souveräner Koordinator, machte aber nicht die geringsten Abstriche etwa in den Tempi, die sein Orchester immer wieder hörbar bis an die Grenzen forderten. Schön, wie er immer wieder verschüttete Mittelstimmen ans Tageslicht rückt, gewohnt mitreissend, wie er die Klangfarben historisch informierter Orchesterpraxis aus dem Berner Sinfonieorchester heraus holt – mit Barocktrompeten und -Hörnern (die ziemlich zu beissen haben). Die Präzision in allen Registern kann noch ein bisschen besser werden, aber das vermochte den hervorragenden Gesamteindruck dieser Produktion nicht zu trüben.

Reinmar Wagner

Foto: Tanja Dorendorf / KonzertTheaterBern