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Mozart und Strawinsky zur Eröffnung des Lucerne Festivals 2018

Erstellt von wagner
Riccardo Chailly wählte besetzungsmässige Antipoden von Strawinsky und demonstrierte auf diese Weise sowohl die kammermusikalischen wie die gross-orchestralen Qualitäten des Lucerne Festival Orchestra. Und Lang Lang spielte nach langer Rekonvaleszenz ein Mozart-Klavierkonzert.

Wer behauptet denn, dieser Lang Lang mache bloss Faxen und spiele um nichts anderes als die Aufmerksamkeit des Publikums? Er kann auch anders, wie er im c-Moll-Konzert (K 491) von Mozart zeigte: Ernsthaft in der Attitüde, konzentriert im Einsatz der pianistischen Mittel, mit wenig äusserlichen Gesten, dafür mit viel Variantenreichtum in innermusikalischen Belangen, mit Feinheiten in der Dynamik, die in keiner Weise demonstrativ wirkten, sondern in den besten Momenten den Saal buchstäblich den Atem anhalten liessen.

Für mich hat sich in diesem Mozart-Konzert Lang Lang als wirklicher Musiker und damit als Künstler gezeigt – gewissermassen eine Versöhnung mit dem sonst so exzessiv auf den PR-Klaviaturen spielenden Popstars des Klaviers. Auch eine Rückkehr für den erfolgsverwöhnten chinesischen Pianisten: Eine Sehnenscheiden-Entzündung hielt ihn die letzten Monate fern vom Konzertbetrieb, in Tanglewood spielte er zum ersten Mal wieder ernsthaft, in Andermatt liess er sich bei einem Meisterkurs zu einer kurzen Solo-Zugabe motivieren. Und jetzt ist er also zurück auf den Konzertpodien. Die Zugabe zeigte ihn dann wieder eher in der fragwürdigen Pose: Blick in den Himmel, bis zur Sinnlosigkeit zerdehnte Rubati in einem Stück, das man einem Klavierschüler nach ein paar Stunden eher nicht mehr zumuten würde.

Riccardo Chailly seinerseits griff kaum ein in den Ablauf dieses Mozart-Konzerts. Hier war er ebenso bescheidner Koordinator, wie er es zuvor in Strawinskys virtuosem Kammerorchester-Meisterwerk «Dumbarton Oaks» war: Drei Geigen, drei Bratschen, je zwei Celli, Kontrabässe und Hörner, dazu Flöte, Klarinette und Fagott ein Musterbeispiel instrumentaler Brillanz, in dem sich die Solisten des Festspielorchesters mühelos von ihrer Schokoladeseite zeigen konnten. Schwieriger wäre das zu erwarten von diesem lose zusammengestellten Orchester in einem Werk wie Strawinskys «Feuervogel»-Ballettmusik: Eine riesige Besetzung, alle Farben des spätromantischen Orchesters, viel üppige Klangpracht, aber auch impressionistische Stimmungsmalerei und raffinierte Instrumentierungsfinessen, die zeigen, welch überaus sattelfester Handwerker Strawinsky war.

Dass die überaus zahlreichen Solostellen klanglich delikat und musikalisch lebendig gerieten überrascht nicht bei dieser Besetzung aus Solisten, Professoren und gestandenen Kammermusikern. Aber wie es Chailly schaffte, den ganzen Klangkörper zu differenzierter, disziplinierter und kompakter Klanglichkeit zu formen, das ist doch schon erstaunlich und bestimmt seiner grossen Erfahrung und soliden Schlagtechnik geschuldet. Selbst Abbado, als er mit diesem Klangkörper französisches Repertoire ausprobierte, kam bei aller suggestiven Zeichnung nicht auf eine ähnlich grosse klangliche Homogenität.

Und die Musiker des Festivalorchesters scheinen sich auch unter Chaillys Ägide wohl zu fühlen. Noch einige von Abbados Schlüsselpositionen sind von den gleichen Solisten besetzt, angeführt vom unverwüstlichen Jacques Zoon an der Soloflöte oder vom nicht minder unermüdlichen Wolfram Christ als Stimmführer der Bratschen. Lucas Macias Navarro als Solo-Oboist oder Gregory Ahss als Konzertmeister sind ähnlich zentrale Schüsselspieler in diesem Orchester. Nicht mehr dabei diesen Sommer ist der Trompeter Reinhold Friedrich, Jeroen Berwaerts erwies sich als würdiger Ersatz.

Reinmar Wagner

Bild: Priska Ketterer / Lucerne Festival

 

Bis am 15. September dauert das Lucerne Festival. Programm und Karten: www.lucernefestival.ch

Musik & Theater veröffentlichte eine Sondernummer zum diesjährigen Festival: http://www.musikundtheater.ch/content/sonderausgaben