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«Mir nämeds uf öis» von Christoph Marthaler in Zürich

Erstellt von wagner
Christoph Marthaler kehrt ans Schauspielhaus Zürich zurück: Von 2000 bis 2004 war er Intendant hier, nach Basel, Berlin oder Hamburg brachte der gefeierte Regisseur zusammen mit Mitgliedern seiner «Theaterfamilie» und Stützen des Schauspielhauses, sowie musikalisch unterfüttert von Bendix Dethleffsen, sein neustes Projekt am Pfauen zur Uraufführung. Thema: Nichts weniger als die Erlösung der Welt, die Entsorgung aller menschengemachter Probleme.

«Na ja!» Letzte Worte. Bernhard Landau spricht sie nach seiner historischen Abhandlung über die evolutionären Vorgänge im Zeitalter des Digizäns: Der homo sapiens digitalis wurde abgelöst durch ein niedliches Monster, eine augenrollende Kreuzung aus Elefant und Tintenfisch, die Marthaler zu Synthesizer-Sphärenklängen genüsslich aus dem Orchestergraben hochfahren lässt. Der Ereignishorizont wurde überschritten, das Raumschiff der MNUÖ-SW («Mir nämeds uf öis»-Staatswesen») ist hinter Jupiter und Saturn in den weiten des Alls bis in alle Ewigkeit unterwegs, ein Zurück gibt es nicht, Böögg und Sechseläuten müssen mit Rauch- und Tischbombe improvisiert werden. Immerhin, den Marsch, den gibt’s noch.

Das Geschäftsmodell ist bestechend einfach: Man nimmt die Gauner dieser Erde – nein, keine Mörder und Schläger, sondern Wirtschaftbosse und Finanzjongleure – entsorgt sie im Weltraum, wo sie sicher sein können vor der Verfolgung durch die irdischen Richter. Bad Bank, konsequent zu Ende gedacht, ein Endlager für Schulden aller Arten, eben «Mir nämeds uf öis». So finden sie sich, diese andere Gattung der Wirtschaftsflüchtlinge im komfortablen Business-Spaceliner zusammen, erzählen die Geschichten ihrer kapitalistischen Gaunereien: Virtuose Sprachkonstrukte, oft in akrobatische Theaterhandwerksübungen verpackt, wie die alphabetisch geordnete Anglizismen-Sammlung im TGV-Tempo von Raphael Clamer. Vor allem aber singen sie. Wie so oft bei Marthaler, ist musikalisches Rätselraten angesagt, quer durch die Klassik-Hits – viel Wagner diesmal – über Pop-Balladen wie Elton Johns «Sorry seems to be the hardest word» bis hin zu Udo Jürgens oder den ersten Schritten hoffnungsfroher Klavierlehrlinge («Ballade pour Adeline»). Virtuos zusammengemixt hat das Bendix Dethleffsen mit tatkräftiger Unterstützung von Stefan Wirth am zweiten Tastenplatz, der natürlich lieber der erste sein möchte. Allerdings: So eine Chopin-Polonaise hat doch ein paar pianistische Tücken. Mit denen man natürlich auch spielen kann: die Tasten-Duelle der beiden ziehen sich als Running Gag durch die Produktion.

Marthaler erfindet sich nicht neu, das Repertoire seines Theaters ist etabliert, sein durch viele gemeinsame Projekte zusammen gewachsenes Ensemble baut auf längst Erprobtem auf. Und die Ensemble-Mitglieder des Schauspielhauses, allen voran Susanne-Marie Wrage, spielen, als seien auch sie längst mit Marthaler-Wasser geweiht. Alles wieder da was das Marthaler-Theater ausmacht, das Schlafen, das hysterische Lachen, das Repetitive, die ausgelebten Ticks, die zarten Chörlein vom Thomas Tallis-Madrigal bis hin zu Mendelssohns «Elias»-Terzett «Hebe deine Augen auf», das die drei Damen mit der gebotenen Naivität ausstaffieren. Vor allem Tora Augestad zeigt sich sehr souverän in der Beherrschung ihrer stimmlichen Mittel, macht als «Kultur-Hologramm» etwa aus Wagners «Abendstern» erst eine kitschige Schnulze, dann eine veritable Soul-Nummer.

Es ist ein vergnüglicher Abend geworden. Marthaler und sein Ensemble zeigen sich von der witzigen und kreativen Seite, obwohl handikapiert durch die saisonalen Erkältungs-Wellen: Siggi Schwientek konnte gar nicht dabei sein bei der Premiere, seine Einsätze wurden auf das übrige Ensemble verteilt. Man habe die letzten zwei Wochen kaum einmal mit allen gemeinsam proben können, sagte Marthaler vor dem Vorhang, die Uraufführung sei somit ein «work in progress». Man kann tatsächlich am Stück noch arbeiten: Pointen könnten besser sitzen, manches wirkt noch eher harmlos, die im Stoff angelegte Kapitalismuskritik ist weitgehend auf der Strecke geblieben, hat Platz gemacht einer ungenierten Freude an kruden Geschichten, Kalauern und Einbrüchen des Absurden, wie wir das ja auch schon kennen vom Marthaler-Theater. Die Präzision, das Timing, die Genauigkeit auch, mit der die Musik eingesetzt wird, sonst eine der ganz grossen Stärken von Christoph Marthaler, ist diesmal noch nicht wirklich so bezwingend wie in seinen besten Arbeiten. Langweilig war der Abend nie, aber halt: Na ja.

Reinmar Wagner

Bild: Tanja Dorendorf / Schauspielhaus Zürich