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Matratzen-Oper beim Davos-Festival

Erstellt von wagner
Ruhe ist das Motto des diesjährigen Davos Festivals. Naheliegend also, eine Matratze zum Opernsujet zu wählen, wie das der Basler Komponist Leo Dick unternahm. Die Uraufführung entpuppte sich dann aber als ziemlich unruhige Collage eines bewegten Jahrhunderts.

Es ist nicht einfach irgendeine gewöhnliche Matratze. Bester Machart sei sie, neustes Modell, faltbar und-und-und, sagt der Verkäufer. Ein schwäbisches Hotel im Jahr 1935 vertraut auf solche Qualitäten. Bloss eines ist sie nicht, die Matratze: abwaschbar. Jedenfalls lässt sich der jungfräuliche Blutfleck, den Gioia und Immanuel – frisch verliebt, frisch vermählt – in ihrer Hochzeitsnacht darauf hinterlassen haben, nicht wegwaschen. Er hat zufällig die Form Amerikas. Daran erkennt sie Immanuel 57 Jahre später, wenn er am Strand von Nizza über ihre Reste aus Gummi, Metall und Tuch stolpert. Er formt daraus ein Kunstwerk und verbrennt es.

Der Schweizer Schriftsteller Tim Krohn (Jahrgang 1965, lebt im Val Müstair) liess 2014 die jüngere europäische Geschichte virtuos und mit leichter Hand in seiner Erzählung «Aus dem Leben einer Matratze bester Machart» Revue passieren. Der Basler Komponist Leo Dick machte nun daraus ein Musiktheater, das am Davos Festival seine Uraufführung erlebte. Krohns tragikomisches Stationendrama der europäischen Geschichte verdichtet er darin noch weiter und lässt es von vier Sängern und drei Instrumentalisten, die auch in verschiedene weitere Figuren schlüpfen, angereichert mit Elektronik und Geräusch-Einspielungen in assoziativer, oft mehrschichtiger Weise nacherzählen.

Wir folgen nicht den Figuren, wir erfahren nur wenig über ihre Vorgeschichte und ihr weiteres Schicksal. Wir folgen der Matratze auf ihrer Odyssee durch das 20. Jahrhundert. In die Bombennacht in Schaffhausen 1944, wenn verängstigte Menschen unter ihr Schutz suchen. Oder in die Hippie-Zeit, wenn sie auf dem Dach eines Deux-Chevaux auf dem verschneiten Gotthard strandet. Oder unter eine Brücke in Rom, wo sie der erschöpften Pilgerin als vielleicht letzte Ruhestätte dient. Sie ist wonnige Erholung für ein Paar, das sonst auf Zeitungspapier am Boden schläft oder Dauerlager einer Demenzkranken. Und im Meer rettet sie einem ungeschickten Hobby-Fischer ein paar träumerische Stunden in Gedanken an seine Geliebte.

Leo Dicks Oper hat wenig opernhaftes. Im Wesentlichen ist es eine virtuos zusammengestellte Soundcollage, die tönendes Material gewinnt an den jeweiligen Stationen dieses Matratzenlebens und daraus auf sehr vielfältige Weise Klänge weiter spinnt. Die musikalischen Spielformen der Avantgarde stehen neben Naturlauten, Radionachrichten neben a-cappella-New-Age-Harmonien, die Basteltöne von Spielzeug-Instrumenten wie Mundharmonika, Rätsche oder Ukulele eben elektronisch fabrizierten Klängen.

Leo Dick ist nicht nur Komponist, er ist auch Regisseur. Diese Kombination ist das Markenzeichen vieler seiner Arbeiten, und so führt er auch in Davos selbst die sieben Darsteller sehr gekonnt. Mehr als ein paar Kleider – und natürlich Matratzen – braucht er dazu nicht als Requisiten. Die Intensität der oft ineinander verzahnten, manchmal simultan ablaufenden Szenen bleibt beständig hoch, das Ensemble in ständig wechselnden Rollen erweist sich als sehr versiert nicht nur in seinen Kernkompetenzen als Sänger oder Musiker, sondern auch sehr engagiert als Performer. Die Vielfalt der szenischen und klanglichen Ereignisse verlangt Aufmerksamkeit, aber überfordert nicht. Mehr als ein halbes Jahrhundert in eineinhalb Stunden zu giessen, ohne plakativ oder oberflächlich zu sein: Das ist keine kleine Leistung.

Zweimal wurde «Aus dem Leben einer Matratze» in Davos aufgeführt, weitere Vorstellungen gibt es im Basler Gare du Nord und in der Berner Dampfzentrale. Aber erst im März 2019.

Reinmar Wagner

Bild: Yannick Andrea / Davos Festival