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Massenets «Werther» mit Juan Diego Flórez in Zürich

Erstellt von wagner
Vom Schneesturm ins Sternenmeer: Eine profilierte, ideenreiche Regisseurin (Tatjana Gürbaca), ein Weltstar als Tenor (Juan Diego Flórez): Damit müsste Massenets «Werther» eigentlich funktionieren. Tut er auch in Zürich – fast immer.

Charlottes Welt ist ihr Haushalt: Die Wandschränke geben alles her, was man als junge Frau so braucht, die eingesperrt ist zwischen ihren Pflichten als Mutter-Ersatz und ihrem der Mutter auf dem Sterbebett gegebenen Versprechen, Albert zu heiraten: Nicht nur Abendessen oder Spielzeug für die Kinder, auch eine Kirchenorgel oder selbst eine komplette Party-Gesellschaft lassen sich auf diese Weise virtuos auf die von Klaus Grünberg gebaute Bühne bringen und rasch wieder entsorgen. Nur Werther ist zu gross für diese Wandschrank-Existenz. Seine leidenschaftliche, verträumte, aber bis ins letzte konsequente Liebe sprengt den Rahmen. Den Charlotte allerdings nicht verlassen kann – oder erst dann, als es zu spät ist: Die Pistole liegt schon in Werthers Hand, als Anna Stéphany bei Gürbaca aus dem hölzernen Käfig tritt, der die abgeschlossene Enge einer bürgerlich-konformen Existenz symbolisiert.

Oder ist es doch nicht zu spät gewesen: Gürbaca hat schon zuvor die Ebene der physikalischen Realitäten andeutungsweise verlassen, im vierten Akt tut sie es vollends: Der Schneesturm durch welchen sich der blutbefleckte Werther schleppt, passt ja noch zur weihnächtlichen Jahreszeit. Aber unverkennbar sehen wir bei der finalen Umarmung Charlotte und Werther als alte Menschen. Kann es doch ein gemeinsames glückliches Leben geben? Wenn die Wandschränke sich öffnen, ist aus dem Schneesturm ein Sternenmeer geworden, eine Erde rotiert vorbei, völlig schwerelos hängt Charlottes Wandschrank-Kabinett im Weltraum. Sind das verklärte Traumbilder, von beiden? Oder nur von Charlotte? Hat es diesen Werther vielleicht nicht gegeben, ist er die Schwärmerei einer in Familie und Ehe gebunden jungen Frau? Gürbaca entscheidet sich nicht, sie spielt mit solchen Bedeutungsebenen und tut das mit einer grossen Virtuosität und einigem Witz: Verspielte Bricolagen mit Luftballonen, Geschenkpaketbändern oder Christbaumkugeln, unnütz herumtollende Kinderscharen, nur ihr Werther bleibt seltsam unreal. So glühend seine Liebe klingt, so wenig Fleisch und Blut scheint in dieser Figur zu stecken. Eine Inszenierung, die nicht alles erklären will, die nicht in letzter Konsequenz in die Seelen ihrer Protagonisten leuchtet und sozialkritische Aspekte eher an- als ausdeutet, aber in ihrer Leichtigkeit und Verspieltheit immer kurzweilig bleibt.

Massenet, der hundert Jahre nach Goethes Briefroman, dieses Sujet zu seiner zehnten Oper wählte, hat dieses leidenschaftliche Liebesdrama mit grosser Instrumentierungs-Meisterschaft vertont. Sowohl den Sängern wie dem Orchester bietet diese Partitur sehr dankbare Möglichkeiten, und mit Cornelius Meister stand ein Maestro am Pult des Zürcher Opernorchesters, der sowohl die klangfarblichen wie dynamischen Finessen und Nuancen dieser Partitur sehr vielfältig und detailliert zum Leben erweckte und auch in einer stets gelenkigem Rubato-Dramaturgie viel Spannung zu erzeugen vermochte. Da und dort wirkten einzelne Klangwogen allerdings etwas übertrieben und gewisse Fortissmo-Akkorde ein wenig grob. Auch wenn sowohl Floréz wie Stéphany dank ihrer stimmlichen Strahlkraft keine Mühe hatten, mit dem vollen romantischen Orchester zu konkurrieren, hätte es nicht immer den letzten Zacken an Lautstärke gebraucht.

Vorbildlich wiederum, wie Meister rasch und konsequent immer wieder leise Gefilde ansteuerte. So strahlkräftig Flórez auch sang, in diesen Piano-Regionen war es vor allem, wo seine berückend schöne Tenorstimme wirklich punkten konnte, im farben- und nuancenreichen Gestalten von leisen, zerbrechlichen, schattierten Gesangslinien. Und darin hatte er auch einen riesigen Vorsprung vor der Charlotte von Anna Stéphany, die zwar nicht minder differenzierte Ausdrucksnuancen fand, aber die stimmliche Dramatik kaum je zurück nahm und ihr weites Vibrato nie aus ihrer Stimme verbannte. Nicht gerade ein Ausbund an Klangfarbenvielfalt ist der Bariton Audun Iversen, aber sein angenehm rundes Timbre passte auf den Albert und stimmlich bot ihm diese Partie nie Probleme, ebenso wenig wie die Sophie der quirligen Mélissa Petit.

Reinmar Wagner

Bild: Herwig Prammer / Opernhaus Zürich