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Martha Argerich eröffnet das Piano Festival in Luzern

Erstellt von meuli
Am Samstag wurde das Lucerne Festival am Piano eröffnet. Die Grande Dame des Klaviers, Martha Argerich, spielte das Klavierkonzert von Robert Schumann, die Kammerphilharmonie Bremen unter Vladimir Jurowski begleitete subtil und steuerte Sinfonien von Mozart und Mendelssohn bei.

Man sieht ihr das Alter von 76 Jahren an – beim Gehen, beim Spielen nicht: Kerzengerade sitzt sie am Flügel, keine Anstrengung ist ihr anzumerken, leicht fliessen die Melodien aus ihren Fingern, federnd springen die Motive zwischen ihr und den Orchestermusikern hin und her. Immer wieder setzt sie unerwartete Akzente, beschleunigt aus dem Stand oder prägt Schumanns Melodien mit überraschenden Rubati ihren eigenen Stempel auf. Solche Überraschungen kommen ohne Vorwarnung: Aus dem Handgelenk, fast ohne Ansatz meisselt sie Akzente in die Tasten. Ihre Klaviertechnik ist noch immer stupend, leicht und scheinbar mühelos gestaltet sie perlende Läufe gestochen scharf oder zaubert virtuose Girlanden in Schumanns viel gespieltes Konzert.

Spontaneität war immer eines ihrer Markenzeichen, sowohl musikalisch wie im Umgang mit Veranstaltern und Mitmusikern. Nicht umsonst trug sie den Ehrentitel «die Löwin». Seit vielen Jahren tritt Martha Argerich nicht mehr alleine auf, will Künstler an ihrer Seite haben, die die Anspannung vor dem Auftritt und die Entspannung danach mit ihr teilen. Das Solokonzert mit Orchester ist davon ausgenommen, aber noch häufiger als an der Seite geschätzter Dirigenten wie Ex-Ehemann Charles Dutoit oder Daniel Barenboim findet man Martha Argerich als Kammermusikerin wie besonders eindrücklich in den letzten 15 Jahren in Lugano beim «Progetto Martha Argerich», wo sie jeweils im Juni eine imposante Reihe ausgewählter Musikerfreunde um sich versammelte und in den verschiedensten Besetzungen das klassisch-romantische Kammermusik-Oeuvre durchforstete. Sie muss nicht mehr zuvorderst im Rampenlicht stehen, die simple Begleitstimme für virtuose Eskapaden eines Geigen-Freundes reicht ihr aus, und selbst darin findet sie immer mal wieder einen persönlichen Akzent oder eine unerwartete Wendung, die das Geschehen musikalisch lebendig hält. Leider ist damit Schluss, in Lugano fand sich nach dem Rückzug der BSI kein Ersatz-Sponsor. Die CD-Box mit den gelungensten Interpretationen des Jahrgangs 2016 ist kürzlich bei Warner erschienen.

In Luzern stand der Tastenlöwin mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen ein Orchester zu Seite, das sich in den letzten Jahren unter seinem Chefdirigenten Paavo Järvi einen guten Namen mit ungeglätteten, wilden und fulminanten Interpretationen der Sinfonien von Beethoven und Schumann erspielt hat. Nicht der Chef allerdings stand am Pult, sondern der Russe Valdimir Jurowski, der sich bei Schumann als sehr subtiler, wacher und sensibler Begleiter zeigte. Und auch in den Sinfonien von Mozart (KV 318, eher eine Ouvertüre als eine ausgewachsene Sinfonie) und der «Schottischen» von Mendelssohn verschenkte Jurowski an der Spitze des souveränen, auf zentralen Positionen sehr gut besetzten Orchesters zwar nichts von den dramatischen Momenten wie der aufgewühlten Sturmszene bei Mendelssohn, aber hielt den Klang stets sehr durchsichtig, vermied jede pauschale Massierung, sondern pflegte im historisch informierten Orchesterklang stets auch die leisen, verschatteten Stimmungen oder die grazile Eleganz ins Leise flüchtender Melodielinien.

Das Lucerne Festival am Piano dauert noch bis zum 26. November und glänzt mit grossen Namen unter den Tastenkünstlern: Gabriela Montero spielt zum Beispiel am Montag Schumann, Schostakowitsch, Chick Corea und eigene Stücke, am Mittwoch gastiert das Geschwister-Duo Güher und Süher Pekinel, am Donnerstag kommt Evgeny Kissin mit Beethoven und Rachmaninow und am Freitag zeigt mit Daniil Trifonov einer der vielseitigsten Pianisten seine Kunst. Von Beethoven über Schubert und Chopin bis zu Sibelius und Jörg Widmann reicht auch das Spektrum von Leif Ove Andsnes am Samstag, und der Pole Piotr Anderszewski spielt mit den Festival Strings am Sonntag Haydn, Mozart und Salieri. Die Jugend erhält ebenfalls Raum: Beatrice Rana, Christopher Park und Aglaia Graf debütieren und die auch schon traditionellen Bar- und Salon-Pianisten spielen nicht nur auf dem knallroten Steinway im KKL-Foyer sondern auch in den Bars und Lounges der Luzerner Hotels.

Reinmar Wagner

Bild: Priska Ketterer / Lucerne Festival