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Martha Argerich beim Lucerne Festival

Erstellt von wagner
Martha Argerich mit 80 – ein Vulkan an Ausdruckswillen: «Life is live» sagt man sich beim Lucerne Festival und hält – auf zehn Tage reduziert – das Festival am Leben. 35 Musiker haben Corona-konform auf dem Podium Platz – mehr hatte Beethoven in Wien auch nicht. Also Beethoven: Herbert Blomstedt leitete zur Eröffnung am Freitag das Festival-Orchester, Martha Argerich spielte das erste Klavierkonzert, Alain Berset hielt die Eröffnungsrede.

Gewisse Gewohnheiten lassen sich auch in den Zeiten des Virus' nicht so einfach vergessen: Artig schüttelte Blomstedt dem Konzertmeister die Hand, als er auf Podium trat – um gleich seinen Fauxpas zu bemerken. Es blieb der einzige des 93jährigen schwedischen Dirigenten, der sich Luzern als Wohnort zum Lebensabend erwählt hatte. Souverän führte er danach das in der Besetzung geschrumpfte Lucerne Festival Orchestra sowohl durch das erste Klavierkonzert wie durch die zweite Sinfonie Beethovens. 

Und es war beileibe keine Routine-Aufgabe, die der Maestro zu bewältigen hatte: Ein Orchester zu leiten, das nicht regelmässig zusammen spielt, braucht Erfahrung und Charisma, und wenn man eine Solistin wie Martha Argerich begleiten soll, dann muss man ohnehin auf alles gefasst sein. Die Dame ist zwar auch schon fast 80, aber noch immer ein Vulkan an Ausdruckswillen, ein Ausbund an musikalischer Lebensfreude. Sei es in den Tempi, sei es in den Akzenten oder in der Dynamik, stets sind es unerwartete und plötzliche Überraschungen, die das Spiel der Argerich prägen. Ein pures Zelebrieren eines einmal gefundenen Ideals war ihre Sache noch nie, die Wiederholung – und sei es noch so schön – ist in ihren Augen Stillstand und Tod. 

Es muss knistern bei Martha Argerich, die Spannung muss hoch bleiben, Spontaneität ist ihr Markenzeichen. Und dabei braucht sie gar nicht in die Extreme zu gehen: Nichts ist demonstrativ in ihrem lebendigen Spiel. Ganz selten ein fern-verträumtes Pianissimo, fast nie wirklich brachiale Akzente, immer mal wieder rasche Tempi, aber keine Rekordjagden, manches wirkt schneller als es ist, weil sie davor subtil ein Rubato einstreut. Immer wieder wunderschön, wie sie melodische Linien gestaltet, fast so als ob sie sie gerade erfinden würde – der geniale Improvisator Beethoven ist zu erahnen in diesem überaus lebendigen und beweglichen Spiel. 

Das von Claudio Abbado formierte und oft zu legendären Höhenflügen angeführte Luzerner Festival-Orchester klingt in dieser Corona-reduzierten Besetzung natürlich anders: forscher, burschikoser, weniger auf Subtilität als auf selbstbewusste klangliche Präsenz bedacht. Aber es hat in den Jahren seit Abbados Tod doch einiges bewahren können von dem, was es einst auszeichnete. Noch immer sind die herausragenden Bläsersolisten ein starkes Markenzeichen: Jacques Zoon an der Flöte, Reinhold Friedrich an der Trompete, Lucas Macias Navarro an der Oboe und diesmal besonders eindrücklich im Duett mit der Pianistin der Klarinettist Vicente Alberola.

Bundesrat Alain Berset sprach in seiner Eröffnungsrede zum Thema des Moments: von Entscheidungen, die man fällen muss, obwohl man nicht alle Fakten kennt, von Trial and Error (schweizerisch: Durchwursteln, was er durchaus positiv bewertete), vom Zusammenhalt der Gesellschaft und dem wieder erstarkten Vertrauen in Wissens und Expertise und der überhaupt nicht rhetorischen Frage, ob sich etwas davon über die Zeit des Virus hinaus wird bewahren können.

Reinmar Wagner

Foto: Peter Fischli / Lucerne Festival