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«Madama Butterfly» am Opernhaus Zürich

Erstellt von wagner
Ted Huffman inszeniert am Zürcher Opernhaus mit viel Liebe zum Detail ein Japan um 1900. Mit ihrer Besetzung kann die Produktion auftrumpfen: Vor allem der Tenor Saimir Pirgu als Pinkerton begeisterte.

Ganz am Schluss erlaubt sich der Regisseur Ted Huffman einen Eingriff in das Stück, den man von ihm nicht erwartet hätte: Butterfly ersticht sich nicht in dem Moment, in dem die Musik diesen dramatischen Moment untermalt, sondern später, als Pinkerton in den Raum tritt,  und sie sich sterbend in seine Arme stürzt. Passt gut, aber es erstaunt trotzdem, denn bis dahin hatte sich der amerikanische Regisseur, der zum ersten Mal am Zürcher Opernhaus arbeitete, akribisch genau an die Partitur und ans Libretto gehalten, hatte mit viel Liebe zu den Details ein japanisches Häuschen (Bühne: Michael Levine) mit möglichst realitätsnahem Leben aus der Zeit um 1900 gefüllt und die Geschichte genauso nacherzählt, wie sie Puccini und seine Librettisten sich vorgestellt hatten.

Es herrscht ein Realismus wie für ein Filmset, bis hin zur auf dem Feuer dampfenden Teekanne. Süss, wie Suzuki noch schnell die aufgehängte Wäsche wegräumt, wenn der Konsul zu Besuch kommt. Huffman übertreibt nicht damit, es ist keine Ausstattungsorgie geworden, dafür sorgen zwei Kunstgriffe, die dieser Inszenierung gut anstehen und ihr über den Realismus hinaus Poesie geben: Viel Raum im künstlich vergrösserten weissen Haus mit den typischen Schiebewänden, und viel akribische Arbeit mit Licht und vor allem mit den Schatten, welche die Personen auf diese Wände werfen, sie manchmal ins Riesenhafte vergrössern – sehr passend zum Beispiel für Frau Pinkerton, die auf diese Weise schon als personifizierte Bedrohung erscheint, bevor sie auch nur ein Wort gesagt hat.

Dieses Regiekonzept hat auch einen Vorteil für die Sänger: Wenn Puccini die grossen Kantilenen vorschreibt, dann können sie sich dafür zwanglos an die Rampe stellen und versuchen, doch noch über das Orchester zu kommen, das vom jungen Italiener Daniele Rustioni geleitet wird, und dabei die grosse emphatische Geste gerne auspacken darf. Das passt nicht schlecht zu diesem Stück, lärmig wird Rustioni nie, auch die grössten Höhepunkte behalten klangliche Delikatesse. Es wären eher die dynamischen Regionen der oberen Mitte, die er – in Zürich jedenfalls – noch deutlich zurück nehmen dürfte, auch wenn seine Protagonisten nicht derart sangen, als ob sie Rücksichtnahme verlangen würden. Hatten sie auch nicht nötig, aber es bekäme selbst einer Puccini-Partitur bisweilen besser, wenn die Klangwogen nicht pausenlos im Fortissimo anrollen und vor allem, nicht zu früh laut werden.

Seine Sänger konnte Rustioni damit nicht gefährden. Die Russin Svetlana Aksenova sang die Titelrolle mit Kraft und Ausdauer, nur kurz zu Beginn gefährdet in der Intonation, ansonsten solid und zuverlässig, allerdings mit einem eher schmalen Klangfarbenspektrum, dem zum Beispiel die Unschuld und Naivität des 15jährigen Mädchens fehlte. Wunschlos glücklich konnte man mit Saimir Pirgu sein, der den amerikanischen Offizier Pinkerton hinreissend sang, auch er mit genügend Strahlkraft, um Puccinis Kantilenen ohne hörbare Anstrengung zu füllen, aber auch immer wieder mit Zwischentönen und Wachheit den sprachlichen Möglichkeiten gegenüber. Brian Mulligan als stimmlich imposanter Sharpless liess sich unnötigerweise ein paarmal zu eher brachialen Tönen hinreissen, was zu dieser Partie eigentlich nicht passt, Judith Schmid sang eine tadellose Suzuki, welche die mildernden Umstände einer angesagten Erkältung nicht in Anspruch zu nehmen brauchte.

Reinmar Wagner

Bild: Toni Suter / Opernhaus Zürich