Syndicate content


Lucerne Festival: Uraufführung eines Schlagzeug-Konzerts von Olga Neuwirth

Erstellt von wagner
Frauen geben den Ton an in Luzern: Das Lucerne Festival steht unter dem Motto «Prima Donna» und nimmt das auch ernst: So dirigierte Marin Alsop am Freitag das Sinfonieorchester aus Sao Paulo mit der Pianistin Gabriela Montero als Solistin und tags darauf brachte Susanna Mälkki von Olga Neuwirth ein Schlagzeug-Konzert zur Uraufführung.

Der ganz grosse Hammer musste es schon sein, im Schlagzeug-Konzert der österreichischen Komponistin. Mit theatralischer Geste bringt er am Ende alles zum Schweigen, befreit den Solsiten von den Zwängen der Maschinen- und Computerwelt, von den umfassenden Überwachungsideen Big Brothers für welche das Orchester mit seiner ganzen akustischen Macht in diesem Werk steht. Nach Trurls Maschine von Stanislaw Lem hat Olga Neuwirth ihr Schlagzeug-Konzert «Trurliade - Zone Zero» benannt.

Auch sonst gibt es viele theatralische Momente im neuen Werk der diesjährigen Gastkomponistin, «we shall overcome» als plakatives Zitat zum Beispiel, aber auch viel Verspieltes, wie surrende Batterie-Ventilatoren und anderes Kinderspielzeug. Auch das Solo-Instrument, das Schlagwerk, behandelt Olga Neuwirth ziemlich spielerisch. Gerne werden die verschiedenen Teile daraufhin abgeklopft, was sie klanglich hergeben, wenn man mal nicht draufschlägt, sondern darüber streicht oder am Rand entlang fährt. Zudem hat Neuwirth eher schräge Komponenten aus dem riesigen Ensemble der Schlaginstrumente zusammen gestellt, verstimmte Kuhglocken, scheppernde Blechteller und als Blickfang ein knallgelb angemaltes Ölfass. Auf dieses fällt dann auch der finale Hammerschlag nieder.

Zwar gibt es immer wieder auch rhythmisch bewegte Passagen, bisweilen regelrechte Schlagwerk-Trommelfeuer, dazu nette Dialoge mit den drei anderen Schlagzeugern im Ensemble, auch ein paar anforderungsreiche Passagen schneller Schlagwerk-Virtuosität die vom Solisten der Uraufführung, Victor Hanna, auch souverän bewältigt wurden. Aber insgesamt ist es kein virtuoses Konzert geworden, und das mag der Grund sein, warum der ursprünglich vorgesehene Solist, der zurzeit wohl virtuoseste Musiker im Kosmos der Schlaginstrumente, Martin Grubinger, «aus persönlichen Gründen» zwei Wochen vor der Uraufführung seine Mitwirkung absagte. Chapeau für Hanna, den jungen Franzosen, der im Ensemble InterContemporain, einer der besten Adressen für zeitgenössische Orchestermusik, und in der Academy des Lucerne Festivals spielte, dass er das Konzert in dieser Zeit lernte und souverän bewältigte.

Unterstützung erhielt er von der finnischen Dirigentin Susanna Mälkki, die mit viel Übersicht und Ruhe das Orchester der Lucerne Festival Academy im Griff hatte, und damit ihre grosser Erfahrung im zeitgenössischen Repertoire demonstrierte, unter anderem leitete sie das besagte Ensemble InterContemporain sieben Jahre lang. Werke von Schönberg und Webern dazu das ausufernde, redundante Geräusch-Erforschungs-Exerzitium «Schreiben» von Helmut Lachenmann umrahmten die Uraufführung von Olga Neuwirth.

Am Tag zuvor stand ebenfalls eine Dirigentin auf dem Podium im Luzerner KKL: Die Amerikanerin Marin Alsop leitete das Sinfonieorchester aus Sao Paulo, das zum ersten Mal beim Lucerne Festival zu Gast war. Natürlich brachten sie Musik aus ihrer brasilianischen Heimat mit, nicht nur Villa-Lobos und das den Streichern vorbehaltene Präludium zum vierten Teil der «Bachianas brasileiras», sondern auch das gross besetzte Orchesterwerk «Kabbalah» des 1939 geborenen Brasilianers Marlos Nobre, das vor allem von der Freude an den obsessiven Rhythmen, an der Lautstärke und am etwas plakativen Gestus der Hauptmotive lebt, die sich durch alle Register schlängeln.

Es gibt sicher präzisere Orchester zu hören in diesen Tagen in Luzern. Sowohl innerhalb der Register wie unter ihnen, war die Spielkultur der Brasilianer nicht sonderlich hoch. Dafür verfügen sie über gute Solisten in den Holzbläsern und ein sattes Blech nach amerikanischem Vorbild. Und über ansteckende Spielfreude, die Marin Alsop mit expressiver und ausladender Gestik gerne unterstützte und damit die «Sinfonischen Tänze» von Rachmaninow mit viel vollblütiger Dramatik auflud.

Im Klavierkonzert von Edvard Grieg spielte Gabriela Montero mit differenzierter, manchmal etwas demonstrativer Gestaltung der Tempi und agogischen Nuancen. Ihr Markenzeichen, die Improvisation, pflegte die venezolanische Pianistin in ihrer Zugabe mit einer Paraphrase über den Latin-Hit «Besame mucho».

Reinmar Wagner

Bild: Manuela Jans / Lucerne Festival