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Ligetis «Grand Macabre» in Zürich

Erstellt von wagner
Es gibt wohl keine Oper, die so herrlich absurd ist wie Ligetis «Grand Macabre». Die Satire, die 1978 in Stockholm zum ersten Mal auf die Bühne kam, ist ein grosses Kasperle-Theater, eine lustvolle Absage an alles, was edel und hehr und heldenhaft ist, an alles Göttliche und an alles Ideologische sowieso. Tatjana Gürbaca inszeniert in Zürich den Blick hinter die kalauernden Karikaturen.

Menschen sind kleine Würstchen und kämpfen mit den Tücken des Alltags, alles wird so richtig handfest und lustvoll durch den Kakao gezogen: Piet vom Fass, der versoffene erste Diener dieses Nekrotzars, wie der Tod hier heisst, der Astrologe Astradamors mit seiner mannstollen Gattin Mescalina, das Liebespaar, das den Weltuntergang in glückseliger Umarmung einfach verpennt, der durchgeknallte Fürst, die streitenden Minister, der paranoide Geheimdienstchef. Und auch dieser Nekrotzar entpuppt sich als ein übler Scharlatan: Viel Getöse und nichts dahinter. 

Nicht nur die Geschichte, auch Ligetis grell-bunte Musik und die ständig kalauernde Sprache des Librettos spiegeln dieses Spiel mit dem Grotesken, Absurden, Überzeichneten. Im Zürcher Opernorchester war die Lust an diesen Tönen beinahe schon handfest zu spüren, und Tito Ceccherini, der für den Zürcher Chefdirigenten Fabio Luisi die Produktion übernommen hat, liess nichts aus, die Kontraste und Akzente so schrill und wild wie möglich zu machen. Und so sang und agierte auch das hervorragend aufgestellte Ensemble, angeführt vom britischen Bariton Leigh Melrose als sehr viriler und grossmäuliger Nekrotzar und dem unverwüstlichen Jens Larsen als Astrologe, unermüdlich und lustvoll im Comic-Stil.

Aber nicht nur das Laute, Grelle, Schrille ist das Markenzeichen dieser Partitur, es gibt auch wunderschön lyrische Töne in Ligetis collagenhaftem Sammelsurium musikalischer Formen, die etwa das junge Liebespaar oder auch Piet vom Fass – ausgezeichnet Alexander Kaimbacher – singen dürfen. Und im Orchester schichtet Ligeti auch ganz feine, hoch komplexe Klänge, die Ceccherini entschlossen bis an die Grenze der Hörbarkeit zurück nahm und damit enorme Spannung aufbaute und bewies: Ligetis Musik hat mehr zu bieten als den Soundtrack zu einem szenischen Gag-Feuerwerk auf der Bühne.

Und dann auch noch dies: Nicht nur Luisi war ausgefallen, es ist Grippe-Saison, auch Judith Schmid, die Sängerin der Mescalina lag im Bett. Ersatz fand man in der entlegensten Ecke der Welt, auf der Pazifik-Insel Gouadeloupe, wo Sarah Alexandra Hudarew am Strand lag, die schon in Luzern vorletzten Herbst diese Partie gesungen hatte. Sie flog um die halbe Erde und sang von der Seitenbühne aus, während die Regisseurin Tatjana Gürbaca die Figur spielte. Beides gelang hervorragend.

So grell und bunt wie die Oper war auch ihre Inszenierung im klaustrophobischen Bühnenbild von Henrik Ahr: Szenische Gags am Laufmeter, ein Feuerwerk von Einfällen, absurd und vulgär. Aber nicht nur: Auch Gürbaca liess neben dem Klamauk, den originellen Bilder-Chiffren und Blödel-Einfällen immer wieder Raum für Leere und Ungewissheit. Plötzlich tauchten da hinter den Karikaturen doch die Menschen auf, wehte ein Hauch von Echtheit und Mitgefühl durch das Geschehen, geisterten Fragen nach den letzten Dingen durch die Inszenierung. Der Tod hat zwar diesmal keinen Erfolg gehabt, aber irgendwann wird er doch kommen: Mit diesem «Memento Mori» schliesst Ligeti sein Stück und es erhält Raum auch in dieser gleichwohl sehr unterhaltsamen, witzigen Inszenierung. 

Reinmar Wagner

Foto: Herwig Prammer / Opernhaus Zürich