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Lehárs «Land des Lächelns» in Zürich

Erstellt von wagner
Edle Chinoiserien mit wenig Charme und Perspektiven: Die Chefs des Zürcher Opernhauses, Andreas Homoki und Fabio Luisi, sind angetreten die Lehár-Operette für unsere Zeit zu retten. Mit «Land des Lächelns» sind sie trotz viel Aufwand und Rhetorik grandios gescheitert.

Nein, Mitleid haben wir nicht wirklich mit diesem chinesischen Prinzen. Er muss schon selber «Armer Sou-Chong» singen und seinen Schmachtfetzen «Dein ist mein ganzes Herz» in die Vergangenheitsform umtextieren. Es hilft auch nicht weiter, dass Andreas Homoki bis am Ende dieser Liebe doch vielleicht ihre Chance geben möchte – so wie in der ersten Version dieser Operette «Die gelbe Jacke» ein Happy End möglich gewesen war. Aber in «Land des Lächelns» sprechen Text und Musik eine zu eindeutige Sprache, als dass man glauben könnte, eines der beiden Paare würde Kraft genug aufbringen, die kulturellen und gesellschaftlichen Widerstände zu überwinden.

Homoki ist auch sonst nicht wirklich Schlüssiges eingefallen zur Rettung der Operette. Unentschieden schwankt er zwischen dramatischen Konflikten und Nummernrevue, bekommt beides nicht überzeugend hin: die Revue wirkt in ihrer Reduktion auf Scheinwerfer, Vorhang und ein paar Tanzeinlagen eher armselig. Auch die in seiner Regie-Handschrift typische wuchtige Choreographie der Masse, wie sie etwa in «Lady Macbeth von Mzensk» beeindruckte, entwickelt diesmal kaum Kraft und Bedrohlichkeit. Die Chinoiserien mit dem Ballett kamen als gar billige Zitate daher, die edle Ambiance und die Strenge der Bühne von Wolfgang Gussmann trugen auch nicht dazu bei, Charme und Atmosphäre zu entwickeln. Immer mal wieder setzte sich der Vorhang in Bewegung, meistens ohne, dass etwas ent- oder verhüllt wurde, so dass selbst die Protagonisten manchmal ratlos auf die leeren farbigen Wände staunten.

Es liegt auch nicht daran, das Andreas Homoki die Dialoge praktisch total gestrichen hat. Sie hätten auch nicht die Kraft gehabt, uns für das Schicksal dieser im Kulturschock gestrandeten Liebenden einzunehmen – wären wohl eher unfreiwillig komisch geworden, so wie es die Schlagertexte der Musiknummern eigentlich auch sind. Es wird immer wieder geschrieben, dass Lehár sich mit seinem «Land des Lächelns» von der Operette weg hin zur Oper bewege, aber er vernachlässigt dabei eines der wichtigsten Kriterien der Oper total: den musikalischen Kommentar, den Blick in die Seelen der Protagonisten mit musikalischen Mitteln. Bei Lehár stehen wir nach kurzem mächtigem Aufrauschen des Orchesters immer sogleich mitten im nächsten Schlager – Situationen ohne Übergänge, Behauptungen ohne emotionale Prozesse, Posen ohne Zwischentöne. Da helfen ein paar raffinierte kontrapunktische Mittelstimmen nichts – die Figuren lassen uns kalt, was bleibt sind die Ohrwürmer, nicht nur Richard Taubers absolute Erfolgsnummer «Dein ist mein ganzes Herz», auch Hits wie «Immer nur Lächeln», «Von Apfelblüten einen Kranz», «Meine Liebe, deine Liebe». Daran ist das «Land des Lächelns» reich.

Aber man muss dieses Schmachtfetzen auch singen können. Denn Lehár begleitet fast immer unisono, die Sänger singen gegen ein recht mächtiges Orchester an, die leichte Gattung Operette erträgt hier keine leichten Stimmen. Der Dirigent kann wenig dafür, dass Julia Kleiter als Lisa, die an sich über eine schöne, gestaltungsfähige Stimme verfügt, nur ganz in der Höhe über das Orchester hinaus schwingen konnte und ansonsten unterging. Solche Probleme kannte Piotr Beczala in der Titelrolle zwar nicht: Sein Tenor hat Kraft und Ausdauer à discretion, auch variabel einsetzbare Klangfarben. Dennoch mischten sich ein paar alarmierend unsaubere und unkontrollierte Töne in seine Linien und insgesamt fehlte ihm die Unwiderstehlichkeit, die strahlende Mühelosigkeit, die solche charmant-schmelzenden Schlager erst wirklich goutierbar machen.

Auch das «leichtere Paar», Mi und Graf Gustav, hat immer wieder die geballte Kraft des Orchesters gegen sich, und da hätte Fabio Luisi ein wenig subtiler agieren können, denn vieles an ihrer Musik ist auf spritzige Leichtigkeit angelegt, das Orchester der Zürcher Oper klang aber eher schwer und unflexibel. Dennoch konnten Rebeca Olvera und Spencer Lang immer wieder vokale Qualitäten aufblitzen lassen.

Fabio Luisi schien noch nicht wirklich zuhause in dieser Partitur. Vieles klang plakativ und etwas pauschal. Wenn man differenzierte Qualitäten bei Lehár zu finden glaubt, dann sollte man sie auch ausspielen. Aber es schien bei der Premiere, als ob Koordinations-Aufgaben, rhythmische Prägnanz und Genauigkeit Luisi noch zu sehr beschäftigten, als dass er sich zum Beispiel der hier sehr so wichtigen Stringenz der Rubati hätte widmen können.

Reinmar Wagner

Bild: Toni Suter / T+T Fotografie / Opernhaus Zürich