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«La Damnation de Faust» am Theater Basel

Erstellt von wagner
Das Theater Basel stellte «La Damnation de Faust» von Hector Berlioz auf seine Bühne. Dirigent und Regisseur gingen dabei unterschiedliche Wege: Enrico Delamboye liess sich zu klangsinnlicher Sensibilität, Arpád Schilling zu einer manchmal ärgerlichen Bilderfolge inspirieren.

Jetzt wissen wir, wie Gretchens Verklärung aussieht: Begleitet von vier Harfen, Sologeige und zehnminütigem Sphärensound, wie in Berlioz niemals besser hinkriegte, zeigt Pfarrer Mephisto eine Diashow zum Thema Versuchung. Gretchen ist sein angetrautes Eheweib und die Tochter heiratet tüllverhüllt einen familienkonformen Chorknaben. Derweil sitzt Faust – verdammt, wie der Titel sagt – in dreifacher Ausfertigung – jung, älter, ganz alt – im Gefängnis aus grünen Bambusstäben. Arpád Schilling und sein ebenfalls ungarischer Bühnenbildner Márton Agh wollen es so.

Dass unser armer Faust nicht mehr Erfolg hatte, ist nicht verwunderlich: Die Wahl zwischen einem braunen und einem weissen Steckenpferd war nicht wirklich eine Chance, sich und Gretchen zu retten. Und Rolf Romei kann man keineswegs den Vorwurf machen, dass er sich nicht eingesetzt hätte. Unzählige Runden rennt er fast nackt auf der grossen Basler Bühne, und schafft es danach sogar, seine Einsätze noch ganz passabel zu singen. Schliesslich aber kann er seiner «Damnation» nichts entgegen setzen als athletische Turnübungen und eine Stimme, die über weite Strecken die anforderungsreiche Partie aushält, in entscheidenden Momenten aber nicht ganz ausreicht. Das betrifft weniger das Volumen wie in den Wagner-Partien, die er in Basel schon sang, sondern diesmal vor allem farbliche Nuancen und in den wenigen, aber exponierten Momenten die Tenor-Höhen, die Berlioz verlangt.

Dass Romei so viel sängerischen Spielraum erhielt, war das Verdienst von Enrico Delamboye an der Spitze eines sehr engagiert und klanglich sensibel aufspielenden Basler Sinfonieorchesters. Der holländische Dirigent verschenkte nichts von der Farbenpracht des Instrumentierungsmeisters Berlioz, und dies gerade auch deshalb, weil er dynamisch äusserst sorgfältig und dosiert arbeitete, manchmal sogar den grossen Gesten, die Berlioz ja auch liebt, noch mehr misstraute als es nötig gewesen wäre. Gewisse Chorszenen zum Beispiel hätten angesichts des klanglich wieder ausgezeichneten Basler Chors (rhythmisch gab es noch ein paar Wackler und Asynchronitäten) durchaus noch etwas mehr orchestrale Unterfütterung ertragen. Aber insgesamt war das ein ungemein reichhaltiges Plädoyer für diese schwierige Berlioz-Oper und ein schöner weicher Roter Teppich für die Sänger unter denen sich neben Romeis Faust auch Solenn’ Lavanant-Linke als klanglich wie sprachlich souveräne Marguerite und Werner van Mechelen als agiler Mephisto auszeichneten.

Ja, und da war eben noch diese Inszenierung: Eine Revue. Bilder mit Schlagkraftcharakter. Aber bloss nichts erzählen. Verwirrung stiften, ohne zu erhellen, ohne zu interpretieren, ohne zu kommentieren. Etikett: Ich mache es anders. Zum ungarischen Marsch etwa gibt es einen Film mit Szenen aus einem Schweine-Schlachthaus, in Auerbachs Keller werden Kellner zusammengeschlagen, Mephisto mutiert zum Schnulzensänger mit Disco-Kugel oder versucht verzweifelt, eine Haustür aufzubrechen. Sein Opfer findet er – durchaus einleuchtend – in der Badewanne im Altersheim.

Auch Gretchen ist verdoppelt in jung und älter (die Variante ganz alt hat Schilling hier eingespart). Das führt zu Missverständnissen, wenn der mittelalte Faust ins Bett des jungen Gretchens schlüpft, während das mittelalte Gretchen daneben masturbierend von Mephistos Geisterdienern eingelullt wird, die allerdings wenig dämonisch daherkommen, sondern als Karikaturen missgelaunter Bühnenarbeiter auf die Szene schlurfen. Schilling reisst eine Fülle an Ideen an, und kann sich am Ende nicht für eine Variante der Interpretation entscheiden. So ist diese «Damnation» ein mal ironischer, mal verkopfter, manchmal unterhaltsamer, manchmal ärgerlich unreflektierter Reigen von in sich meist ganz passablen Einzelbildern.

Reinmar Wagner

Bild: Hans Jörg Michel